Eigentlich bedeutet Hochbegabung für mich relativ wenig.
Es ist ein bemerkenswerter Satz für ein Gespräch, in dem es genau darum geht. Aber Kaspar möchte aus seiner Begabung keine große Sache machen. Schon gar keine, die ihn über andere stellt. Er segelt gern, verbringt Zeit mit Freunden, baut Roboter und kann sich, wie er selbst sagt, für ziemlich viele Dinge begeistern. Hochbegabung ist dabei ein Teil von ihm. Nicht die Überschrift über seinem Leben.
Vielleicht passt genau deshalb das Schülerforschungszentrum Rostock so gut zu ihm. Seit Jahren arbeitet er dort an eigenen Projekten. Thomas Borowitz vom Verein MikroMINT beschreibt ihn als jemanden, der „total unaufgeregt, hochkompetent“ arbeitet und aus eigener Motivation kommt. Kaspar habe verstanden, dass er hier seinen Interessen folgen könne – gemeinsam mit anderen, die ähnlich ticken.
Für Kaspar selbst klingt das weniger groß. Er spricht lieber über Freiraum.
An seiner Schule, der Christophorusschule in Rostock, gibt es immer wieder Möglichkeiten, an eigenen Projekten zu arbeiten, an Wettbewerben teilzunehmen oder zwischendurch ins nahe Schülerforschungszentrum zu gehen. „Vielleicht ein bisschen Ruhepol“, nennt er diesen Ort.
Dabei fällt auf: Wenn Kaspar über Lernen spricht, geht es selten um Schnelligkeit. Eher um Tiefe.
Manchmal fragt er öfter nach als andere. Dann könne schon einmal die Rückfrage kommen, warum er etwas noch nicht verstanden habe. Für Kaspar ist genau dieses Nachfragen Teil des Lernens.
Danach hat man es für sich vielleicht sogar ein bisschen tiefer verstanden.
Verstehen wollen – das zieht sich durch das Gespräch. Lernen macht ihm Freude, weil dadurch die Welt erklärbarer wird. Weil Physik plötzlich nicht nur ein Schulfach ist, sondern etwas mit Dingen zu tun hat, denen man jeden Tag begegnet. Und weil aus einer Idee irgendwann etwas entstehen kann, das tatsächlich funktioniert.
Besonders gern arbeitet Kaspar mit Menschen zusammen, mit denen die Verständigung leichtfällt und die ähnliche Interessen haben.
„Wenn man einfach zusammen so ein Projekt macht, irgendwas baut, irgendwas draußen ausprobiert – das finde ich eigentlich cool.“
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Seiten seiner Geschichte. Hochbegabung erscheint hier nicht als einsames Vor-sich-hin-Denken. Sondern als etwas, das im Austausch wachsen kann. Natürlich gibt es auch die anderen Momente. Aufgaben, die zu leicht sind. Dinge, die nicht sofort funktionieren. Phasen, in denen man sich selbst motivieren muss. Wenn etwas misslingt, versucht Kaspar zunächst herauszufinden, warum. Er zerlegt ein Problem in kleinere Teile, probiert weiter, stellt Fragen. Und er holt sich Hilfe. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Dass man sich vielleicht auch Hilfe holt, das ist auch gut.
Auch Beharrlichkeit hat für ihn Grenzen. Nächtelang an einer Aufgabe zu sitzen, nur um sie unbedingt noch zu lösen, entspricht ihm nicht. Wenn nichts mehr geht, geht er schlafen. Viel wichtiger findet er, rechtzeitig anzufangen und große Aufgaben in kleinere Schritte aufzuteilen.
Dass Selbstorganisation trotzdem schwierig sein kann, sagt er ebenso offen: Wie lange brauche ich? Wann sollte ich anfangen? Wie motiviere ich mich, obwohl ich eigentlich noch Zeit habe? Auch das gehört zu seinem Lernen.
Die CJD Christophorusschule Rostock hilft dabei nicht nur mit zusätzlichen Angeboten. Für Kaspar liegt die Unterstützung vor allem in einer gewissen Beweglichkeit. Wenn ein Wettbewerb oder ein Projekt ansteht, gibt es Lehrkräfte, die versuchen, dafür Freiraum zu schaffen. Schule und individuelle Interessen müssen dann nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Noch wichtiger wird seine Antwort, als es um etwas geht, das sich schwerer messen lässt: das Gefühl, als ganzer Mensch wahrgenommen zu werden.
Kaspar denkt an Lehrkräfte, zu denen Vertrauen gewachsen ist.
Wenn es einem vielleicht mal nicht so gut geht, weiß man, dass man mit den Leuten reden kann.
Für ihn bedeutet das, gut miteinander umzugehen, einander zu vertrauen und schwierige Situationen auch gemeinsam tragen zu können.
An Wettbewerben hat Kaspar mehrfach teilgenommen, unter anderem an Chemie-Olympiaden. Im Schülerforschungszentrum entstehen Projekte, die weit über normalen Unterricht hinausgehen. Thomas Borowitz beobachtet seine Entwicklung bereits seit mehreren Jahren. Gerade darin liege für ihn der besondere Wert dieser Arbeit: Jugendliche über längere Zeit wachsen zu sehen und ihnen wissenschaftliches Arbeiten zuzutrauen.
Kaspar selbst findet dafür wiederum eine andere Sprache.
Auf die Frage, was Entwicklung eigentlich bedeutet, spricht er nicht zuerst über Wissen oder Erfolg.
Entwicklung ist, dass man glücklich mit dem ist, was man macht.
Natürlich gehöre auch dazu, neue Dinge zu lernen und besser zu werden. Aber eben nicht nur. Entwicklung bedeutet für ihn auch, in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben. Nicht daran zu verzweifeln, wenn etwas anders läuft als gedacht. Sich selbst an solchen Situationen weiterzuentwickeln.
Vielleicht erklärt das auch, warum sein Wunsch für die kommenden Schuljahre überraschend unspektakulär klingt. Kaspar möchte nicht mit Aufgaben überladen werden. Er möchte Zeit für Dinge behalten, die ihm wichtig sind. Vor allem aber wünscht er sich Rücksicht und Akzeptanz.
Dass man einfach so sein darf, wie man ist.
Das war für ihn selbst nicht immer selbstverständlich. Als der Wechsel an dieneue Schule anstand, fiel es ihm schwer, das Bekannte loszulassen. Dort waren Menschen, die er kannte und mochte. Ein Neuanfang bedeutet schließlich auch, nicht genau zu wissen, was kommt. Heute blickt Kaspar anders darauf.
Wer hochbegabt ist und das Gefühl hat, nicht richtig dazuzugehören, dem würde er raten, nach einem Umfeld zu suchen, in dem die eigenen Interessen Platz haben. Nach Herausforderungen, an denen man wachsen kann. Nach Menschen, mit denen man etwas teilen kann. In der CJD Christophorusschule hat er dieses Umfeld gefunden.
Und vielleicht ist sein letzter Gedanke deshalb weniger ein Ratschlag über Schule als einer über Veränderung überhaupt: „Neue Dinge können auch positive Entwicklungen bedeuten – wenn sie einfach besser zu einem passen.“
Über die CJD Christophorusschule Rostock
Die CJD Christophorusschule Rostock fördert hochbegabte Schülerinnen und Schüler individuell und zielgerichtet, damit sie ihre besonderen Fähigkeiten bestmöglich entfalten können. Erfahrene Lehrkräfte begleiten sie dabei mit Fachkompetenz und Einfühlungsvermögen. Ein anspruchsvoller Unterricht schafft die Voraussetzungen dafür, dass Leistungen und Potenziale gleichermaßen zur Entfaltung kommen.