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  1. Weiterfahren statt aufgeben

Weiterfahren statt aufgeben

Es gibt diesen Moment auf der Radtour nach Berchtesgaden, an dem Maciej Lehr eigentlich nicht mehr kann. Viele Kilometer liegen bereits hinter ihm, viele weitere vor ihm. Er ist erkältet, erschöpft und zweifelt daran, dass sein Körper die nächsten Etappen noch mitmacht.

Der Plan ist zunächst einfach: irgendwie bis zum nächsten Bahnhof kommen. Also steigt Maciej wieder aufs Fahrrad und fährt weiter. Unterwegs beginnt das Schmerzmittel zu wirken. Mit jedem Kilometer kommt ein wenig Kraft zurück, und mit ihr ein Gedanke: Vielleicht geht doch noch etwas.

Am Bahnhof fährt Maciej vorbei. Er beendet die Etappe auf dem Rad.

Heute erzählt der 21-Jährige diese Geschichte ruhig. Dabei steht dieser Moment für vieles, was sich in seinem Leben verändert hat. Denn Durchhalten, wenn etwas schwierig wird, war für ihn nicht immer selbstverständlich.

Ich habe gelernt, dass ich zu mehr fähig bin, als ich früher gedacht hätte.

Ein Neuanfang im CJD

Maciej kommt aus Rheinland-Pfalz und befindet sich im dritten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Metallbauer im CJD Homburg. Dass es ein handwerklicher Beruf werden sollte, wusste er früh. Den ganzen Tag am Computer sitzen und sich ausschließlich mit theoretischen Aufgaben beschäftigen, das konnte er sich nicht vorstellen. Stahl dagegen fasziniert ihn. Schneiden, schweißen, aus einem Werkstoff etwas entstehen lassen. Metallbau sei für ihn das beeindruckendste Handwerk, sagt er, vielseitig und überall im Alltag zu finden.

Der Weg dorthin war allerdings nicht geradlinig. Maciej verließ die Schule vorzeitig und verbrachte längere Zeit in psychiatrischer Behandlung. Als er die Klinik verließ, fehlte zunächst eine klare Perspektive. Über die Agentur für Arbeit wurde er auf Bildungs- und Berufsbildungswerke aufmerksam und kam schließlich zum CJD.

Die erste Zeit war schwierig. Viele neue Menschen, neue Strukturen, neue Erwartungen. Vor allem soziale Kontakte waren eine Herausforderung. Maciej beschreibt sich rückblickend als sehr schüchtern. Begegnungen mit anderen Menschen vermied er, wann immer es ging.

Was sich anschließend veränderte, geschah nicht auf einmal. Positive Erfahrungen kamen hinzu. Ermutigendes Feedback. Menschen trauten ihm etwas zu. Langsam wuchs Vertrauen – in sein Umfeld, aber auch in die eigenen Fähigkeiten.

Während seiner Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme kam schließlich ein entscheidender Moment: Seine Ausbilder waren mit seinen Leistungen zufrieden und boten ihm an, seine Ausbildung bei ihnen zu beginnen. Für Maciej war das mehr als ein Ausbildungsplatz. Es war die Erfahrung: Hier bekomme ich eine echte Chance.

Wenn andere zuerst an einen glauben

Im CJD erlebt Maciej immer wieder, dass ihm Aufgaben zugetraut werden, bei denen er selbst zunächst Zweifel hat. Besonders seine Ausbilder fordern ihn heraus. Sie ermutigen ihn, Neues auszuprobieren und nicht beim bereits Bekannten stehenzubleiben. Auch die Begleitung im Wohnbereich und durch den Psychologischen Dienst spielt für ihn eine wichtige Rolle. Die Mitarbeitenden unterstützen ihn dabei, seinen Alltag zu bewältigen und soziale Kontakte nicht zu meiden.

Ohne die Unterstützung der Betreuer hätte ich mich vermutlich deutlich stärker zurückgezogen.

Stattdessen wird sein Radius größer. Das gilt auch im wörtlichen Sinn.

Maciej beginnt, an einer Kraftsportgruppe und einer Fahrradgruppe teilzunehmen. Er merkt, wie gut ihm Bewegung tut. Sport hilft ihm körperlich, lindert seine Rückenschmerzen und unterstützt ihn auch psychisch. Wenn Belastungen und Sorgen zu viel Raum einnehmen, kann er sie beim Sport für eine Weile ausblenden. Danach sei er ausgeglichener und habe wieder einen klareren Kopf.

Noch wichtiger ist für ihn eine andere Erfahrung: Selbst an schlechten Tagen kann er etwas schaffen.

Jedes erreichte Ziel zeigt mir, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann.

Sport wird damit zu mehr als einem Ausgleich. Er wird zu einem Übungsfeld für Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen. Maciej lernt, Rückschläge anders zu betrachten. Früher, sagt er, hätte er bei vielen Herausforderungen aufgegeben. Heute weiß er, dass Durchhaltevermögen oft wichtiger ist als Talent.

Hunderte Kilometer bis Berchtesgaden

Als für eine mehrtägige Radtour nach Berchtesgaden körperlich und psychisch belastbare Teilnehmende gesucht werden, sprechen Mitarbeitende Maciej an. Er sagt sofort zu. Trotzdem kommen Zweifel. Manchmal fragt er sich, ob ihm diese Herausforderung tatsächlich zuzumuten ist. Dann erinnert er sich daran, dass die Mitarbeitenden ihm die Tour zutrauen.

Unterwegs wird aus der sportlichen Herausforderung eine Grenzerfahrung. Die körperliche Belastung über viele Tage ist groß. Als Maciej krank wird, scheint das Ziel plötzlich sehr weit entfernt. In dieser Situation erlebt er aber auch, dass Durchhalten keine reine Einzelleistung ist. Die anderen Teilnehmenden und Mitarbeitenden unterstützen ihn, helfen und versorgen ihn, wenn es ihm schlecht geht.

Ohne die Gruppe hätte ich das Ziel garantiert nicht erreicht.

Und dann kommt der Moment, auf den alle hingearbeitet haben: Berchtesgaden. 

Als Maciej ankommt, kommen ihm die Tränen. Nicht nur, weil die Strecke endlich geschafft ist. Sondern weil ihm in diesem Augenblick bewusst wird, was die Gruppe gemeinsam geleistet hat, und wozu er selbst fähig ist.

„Die Radtour nach Berchtesgaden hat mir gezeigt, dass ich selbst scheinbar Unmögliches bewältigen kann.“

Dranbleiben – auf dem Fahrrad und in der Werkstatt

Vieles von dem, was Maciej beim Sport erlebt, findet er heute in seiner Ausbildung wieder. Als Metallbauer arbeitet er körperlich. Fitness und Belastbarkeit helfen ihm im Arbeitsalltag. Doch die Gemeinsamkeiten gehen weiter: Disziplin, Ausdauer und Durchhaltevermögen braucht er sowohl auf dem Fahrrad als auch in der Werkstatt.

An schwierigen Tagen helfen Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, Musik und kleine Dinge, die seine Stimmung verbessern. Vor allem aber braucht Maciej ein Ziel. Es gibt ihm Orientierung.

Heute schafft er etwas, das vor einigen Jahren für ihn kaum vorstellbar gewesen wäre: eine 40-Stunden-Woche. Seine Ausbilder und Arbeitgeber sind mit ihm zufrieden. Darauf ist er stolz. Auch Begegnungen mit anderen Menschen fallen ihm inzwischen leichter. Wo er sich früher zurückgezogen hat, kann er heute auf Menschen zugehen und sie ansprechen.

Seine Ausbildung bedeutet für ihn deshalb weit mehr als einen Berufsabschluss. Sie ist ein Weg in ein selbstständiges Leben.

Ein Ziel nach dem anderen

Und Maciej hat weitere Ziele.

Fachlich möchte er seine Fähigkeiten im WIG-Schweißen ausbauen und insbesondere beim Schweißen von Aluminium besser werden. Später möchte er auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten und in einer eigenen Wohnung leben, gerne in einer WG oder mit einem Partner.

Auch Sport soll Teil seines Lebens bleiben. Er möchte fit und gesund bleiben und seinen Körper weiter stärken.

Und dann gibt es noch ein Ziel, das zunächst etwas überraschend klingt: Maciej möchte beweglicher werden. Irgendwann, sagt er, würde er gern einen Spagat können. Vielleicht passt gerade dieses Ziel gut zu ihm. Denn Maciej hat erfahren, dass die Entfernung zwischen „Das kann ich nicht“ und „Ich habe es geschafft“ manchmal größer aussieht, als sie tatsächlich ist.

Gefragt, was er jungen Menschen sagen würde, die gerade selbst eine schwierige Zeit erleben, muss er deshalb keine großen Worte suchen.

„Auch wenn es im Moment aussichtslos erscheint, sollte man nicht aufgeben. Veränderungen brauchen Zeit. Es ist wichtig, Hilfe anzunehmen und Schritt für Schritt weiterzumachen.“

Seinen eigenen Weg beschreibt Maciej heute als einen Neuanfang. Das CJD sei für ihn „ein Ort der Neugeburt, Neuorientierung und des Neuanfangs“.

Ein Ort, an dem andere ihm etwas zugetraut haben, bevor er es selbst konnte. Und an dem er schließlich gelernt hat, dass er manchmal nur eines tun muss, um herauszufinden, wie weit er kommen kann:

weiterfahren.