Bereits fünf Mal standen Eltern, Mitarbeitende und Unterstützer dieses Jahr vor dem Thüringer Bildungsministerium in Erfurt. Zwischen Transparenten und Sprechchören war auch Enrico Thurm jedes Mal dabei. Für den 40-Jährigen stehen dabei nicht Politik im Allgemeinen oder abstrakte Finanzierungsmodelle im Mittelpunkt. Es geht um seine Tochter Yasmine.
Die Neunjährige besucht seit der ersten Klasse die CJD Christophorusschule Erfurt. Yasmine hat Pflegegrad 3 und benötigt in verschiedenen Lebensbereichen Unterstützung. Das Sprechen fällt ihr schwer. Ihr Vater erlebt jeden Tag, was möglich wird, wenn Kinder die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. „Seitdem sie an dieser Schule ist, hat sie Freunde gefunden, ist richtig aufgeblüht und entwickelt sich unglaublich gut“, erzählt Enrico Thurm.
Wer Yasmine begegnet, erlebt ein lebensfrohes Mädchen mit vielfältigen Interessen. Ihr Lieblingsfach ist Sport. Nach dem Unterricht besucht sie den Hort, geht zum Kindersport, fährt gern Gokart, schwimmt und lernt Glockenspiel im Fanfarenorchester Erfurt. Für ihren Vater sind das keine Selbstverständlichkeiten, sondern Erfolge, die zeigen, wie wichtig die passende Förderung für ihre Entwicklung ist. „An der CJD Christophorusschule Erfurt werden die Kinder besonders gefördert und können sich individuell entwickeln“, sagt er.
Genau deshalb verfolgt Enrico Thurm die aktuelle Diskussion um die Finanzierung von staatlich anerkannten Förderschulen in freier Trägerschaft mit großer Sorge. Denn hinter Gesetzestexten und Haushaltszahlen steht für ihn eine ganz konkrete Frage: „Wie sieht die Zukunft meines Kindes aus, wenn diese Schulform langfristig nicht ausreichend finanziert wird?“
Diese Frage bewegt derzeit viele Eltern. Während die Ende 2025 beschlossene Novellierung der Finanzierung freier Schulen in Thüringen für zahlreiche Schulformen Verbesserungen gebracht hat, sehen sich freie Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung weiterhin mit erheblichen Finanzierungslücken konfrontiert. Nach Einschätzung des CJD berücksichtigt die aktuelle Regelung die besonderen Anforderungen dieser Schulform nicht ausreichend. „Die gesetzlich vorgesehene Möglichkeit, bestehende Finanzierungslücken durch eine Kostenbeteiligung der Eltern auszugleichen, ist bei freien Förderschulen aus Sicht des CJD keine tragfähige Lösung“, erklärt Gesamtleiter Stoyan Dimitrov.
Für Familien wie die von Enrico Thurm ist das mehr als eine bildungspolitische Debatte. Viele Eltern von Kindern mit Behinderungserfahrungen stehen bereits vor besonderen organisatorischen, emotionalen und finanziellen Herausforderungen. Zusätzliche Belastungen wären für viele kaum zu stemmen.
„Die Frage ist doch: Welche Perspektive haben unsere Kinder?“, sagt Enrico Thurm. „Yasmine hat hier ihren Platz gefunden. Sie hat Freunde, wird gefördert und kommt jeden Tag gern zur Schule.“
Mit den regelmäßigen Demonstrationen macht das CJD deshalb auf die Herausforderungen freier Förderschulen aufmerksam. Das Ziel ist kein Konflikt mit der Politik, sondern eine Lösung, die Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf auch künftig die Förderung ermöglicht, die sie benötigen.
Gesamtleiter Stoyan Dimitrov bringt es auf den Punkt: „Diese Kinder und Jugendlichen bringen Fähigkeiten und Potenziale mit. Was fehlt, ist eine gemeinsame und starke Stimme für ihre Interessen.“
Die Geschichte von Enrico Thurm und seiner Tochter Yasmine zeigt exemplarisch, welche Bedeutung freie Förderschulen für viele Familien in Thüringen haben. Sie macht deutlich, dass hinter der aktuellen Finanzierungsdebatte nicht nur Zahlen und Gesetzestexte stehen, sondern konkrete Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf.
Die nächsten Demo-Termine vor dem Thüringer Bildungsministerium (jeweils 10:00-10:30 Uhr):
- 23.09.2026
- 18.11.2026
- 16.12.2026