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  1. In Bewegung bleiben

In Bewegung bleiben

Gerade beginnt für Johanna ein neuer Lebensabschnitt. Hinter ihr liegen intensive Jahre zwischen Unterricht, Training, Wettkämpfen, Organisation und persönlicher Zeit. Jahre, die viel Disziplin verlangt haben. Aber auch Jahre, in denen die junge Sportlerin gelernt hat, was möglich ist, wenn man dranbleibt, Unterstützung annimmt und seinen eigenen Weg geht. 

„Auf jeden Fall sehr befreiend“, sagt Johanna über den Moment nach dem Abitur. „Natürlich ist es schade, dass so eine Zeit vorbeigeht. Aber ich freue mich sehr, dass ich das geschafft habe, auch mit dem Leistungssport nebenbei.“ 

Es ist ein Satz, in dem viel steckt: Erleichterung, Stolz, Abschied und Vorfreude. Denn für Johanna endet gerade nicht nur die Schulzeit. Es beginnt etwas Neues. In Texas wird sie Studium und Sport verbinden. Ein Vollstipendium übernimmt die Kosten, vieles ist dort organisiert. Für sie ist das ein großer Schritt in ein neues Umfeld.

Jedes Ende ist auch wieder der Anfang von etwas Neuem.

Der Weg dorthin begann früher. Johanna war zunächst auf einem Gymnasium. Gemeinsam mit ihren Eltern schaute sie sich verschiedene Möglichkeiten an. Am Ende wechselte sie zur 9. Klasse an die CJD Christophorusschule Rostock. Einen klaren sportlichen Traum hatte sie damals noch nicht. „Nein, überhaupt nicht“, sagt sie. 

Vielleicht muss auch nicht jeder Weg mit einem fertigen Plan beginnen. Manchmal entsteht ein Weg, weil Menschen losgehen, Erfahrungen sammeln und unterwegs merken, was zu ihnen passt. 

An der CJD Christophorusschule Rostock hat Johanna Unterstützung erlebt. Herr Skopnik und Frau Schröder nennt sie dabei besonders, zwei von vielen Menschen, die mitgedacht, möglich gemacht und Rücksicht genommen haben. Über Herrn Skopnik sagt sie: „Wenn man Probleme hat, hat er immer ein offenes Ohr und versucht, Dinge zu klären. Man weiß: Er ist für einen da.“ 

Für junge Menschen im Leistungssport kann genau das entscheidend sein. Schule läuft weiter, auch wenn Trainingseinheiten dazukommen. Prüfungen stehen an, auch wenn Wettkämpfe vorbereitet werden. Persönliche Entwicklung passiert nicht erst, wenn alles andere erledigt ist. Sie passiert mittendrin. 

Johanna beschreibt sich als organisiert. Ihre Mutter sage das auch. Sie plant, strukturiert, hält vieles zusammen. Training und Schule sollen nicht leiden. Gleichzeitig nimmt sich die Leichtathletin Zeit für ihren Freund, für Familie, für Freundinnen und Freunde. Ihr Trainer gebe ihr dabei Flexibilität, erzählt sie. Auch die Schule habe Rücksicht genommen. 

„Wenn ich Zeit mit meinem Freund oder meiner Familie verbringen möchte, dann nehme ich mir auch einfach die Zeit“, sagt Johanna. Das Training leide darunter nicht, die Schule eigentlich auch nicht. Wichtig sei, dass alles seinen Platz bekomme. 

Das klingt nach viel Verantwortung. Aber bei Johanna klingt es auch nach Energie. Sie wirkt wie ein Mensch, der gelernt hat, Dinge anzupacken. Nicht, weil immer alles leicht ist. Sondern weil sie weiß, dass vieles möglich wird, wenn man es gut strukturiert und sich nicht entmutigen lässt. 

Auch Rückschläge gehören dazu. Johanna spricht offen darüber, dass es im Sport Phasen gab, in denen ihr Selbstbewusstsein gelitten hat. Von außen sieht man oft nur Ergebnisse: Wettkämpfe, Erfolge, Zeiten, Entwicklung. Was man weniger sieht, sind die Tage, an denen das Training schwerfällt oder ein Wettkampf nicht so läuft wie erhofft. 

„Auf dem Papier denkt man das vielleicht nicht, weil ich erfolgreich war“, sagt sie. „Aber man kennt ja nicht die Tage oder Wochen, in denen man keine Lust auf Training hat, schlechte Trainingseinheiten erlebt oder Wettkämpfe nicht so laufen.“ 

Besonders herausfordernd waren Verletzungen. Vor den Olympischen Spielen war die junge Sportlerin lange verletzt und hatte starke Schmerzen. Solche Phasen gehen nicht einfach spurlos vorbei. Aber sie beschreibt sie nicht als etwas, das sie aus der Bahn geworfen hat. Eher als Erfahrungen, mit denen sie umgehen gelernt hat. 

Ein festes Allheilmittel gibt es für sie nicht. Manchmal hilft ein guter Wettkampf. Manchmal hilft Zeit. Manchmal hilft Erfahrung. Und manchmal hilft der Blick darauf, dass das Leben größer ist als Sport.

Sport definiert mich nicht. Ich mag mich ja auch als Mensch.

Dieser Satz ist vielleicht einer der wichtigsten im Gespräch. 

Denn Johanna ist nicht nur Leichtathletin. Sie ist Tochter, Freundin, Partnerin, junge Erwachsene. In ihrer Familie spürt sie das besonders. Wenn sie mit ihren Eltern spricht, geht es nicht nur um Ergebnisse. „Wenn ich mein Zimmer nicht aufgeräumt habe, dann habe ich nicht aufgeräumt“, sagt sie. Natürlich seien ihre Eltern stolz. Aber sie bleibt vor allem sie selbst. 

Auch in der Schule habe sie sich nicht auf ihre sportliche Leistung reduziert gefühlt. Manche Lehrkräfte seien sportbegeistert gewesen, erzählt sie. Aber im Unterricht sei sie meist einfach Schülerin gewesen. „Ich war da eher unscheinbar und saß ganz normal dabei.“ 

Diese Normalität ist kein Nebensatz. Sie ist Teil ihres Rückhalts.

Wenn Johanna darüber spricht, was sie über Unterricht und Training hinaus gelernt hat, landet sie beim Umgang miteinander. Rücksicht nehmen. Mit anderen zurechtkommen. Nicht nur fragen, was man erreicht, sondern auch, wie man sich verhält. 

Und sie hat gelernt: Erfolg definiert nicht den ganzen Menschen. 

Training ist nie für nichts. Lernen ist nie für nichts. 

Auch das ist ein Satz, der hängen bleibt. Johanna sagt ihn, als es darum geht, was ihr geholfen hat, an ihren Weg zu glauben. Nicht jede Anstrengung zeigt sofort ein Ergebnis. Nicht jede Trainingseinheit wird direkt sichtbar. Nicht jede Lernphase spiegelt sich sofort in Noten wider. Aber langfristig zählt sie. 

Wenn es schwierig wird, hilft ihr auch die Familie. Manchmal fährt sie für ein paar Tage nach Hause. Dann merkt sie: Es gibt wichtigere Dinge als Schule und Training. Nicht, weil Schule und Training unwichtig wären. Sondern weil ein Mensch mehr braucht als Leistung. 

Genau darin liegt eine Stärke von Johanna: Sie nimmt ihren Sport ernst, aber sie lässt sich nicht vollständig von ihm bestimmen. Sie will weiterkommen, aber nicht um jeden Preis. Sie organisiert, trainiert, lernt, bleibt dran und findet Schritt für Schritt heraus, was ihr hilft. 

Der neue Lebensabschnitt in Texas ist für die Leichtathletin deshalb mehr als eine sportliche Chance. Er ist Bewegung im umfassenden Sinn. Neues Umfeld, neue Menschen, neue Erfahrungen. Studium und Training, ja. Aber auch Leben. 

Worauf sie sich am meisten freut? „Auf die Erfahrungen, die für mein späteres Leben wichtig sind.“ 

Anderen jungen Menschen, die Schule und Leistungssport verbinden möchten, gibt Johanna etwas sehr Konkretes mit: Vertrauenspersonen suchen. Lehrkräfte ansprechen. Unterstützung annehmen. Den Tag strukturieren. Initiative ergreifen. 

„Niemand macht es für dich“, sagt sie. „Aber es ist machbar.“ 

Am Ende des Gesprächs soll sie einen Satz vervollständigen: Bewegung bedeutet für mich … 

Ihre Antwort ist kurz. 

In Bewegung zu bleiben. 

Vielleicht erzählt dieser Satz Johannas Geschichte am besten. Nicht als fertige Erfolgserzählung, sondern als lebendiger Weg. Mit Unterstützung. Mit Energie. Mit Rückschlägen, aus denen man lernen kann. Mit Menschen, die da sind. Und mit einer jungen Frau, die nach vorne schaut und weitergeht.