„Was für ein Glück, dass niemand weiß, wie man richtig sein muss.“ Das hätte das Sams vermutlich sofort unterschrieben. Die freche Kinderbuchfigur mit den roten Haaren, den blauen Wunschpunkten im Gesicht und einer gehörigen Portion Neugier stellt die Welt gern auf den Kopf. Vor allem aber zeigt das Sams, dass man nicht in eine Schublade passen muss, um dazuzugehören. Im Gegenteil, gerade das Besondere, das Andere und manchmal auch das Ungewöhnliche machen eine Gemeinschaft lebendig.
Genau diese Haltung prägt auch den Alltag im CJD Kindergarten „Die kleinen Europäer“. Hier treffen Kinder mit unterschiedlichen Erfahrungen, Sprachen, Talenten und Ausdrucksmöglichkeiten aufeinander. Manche erzählen begeistert ganze Geschichten, andere kommunizieren mit einzelnen Wörtern, Bildern, Gesten oder Gebärden.
Im Morgenkreis wird das jeden Tag sichtbar. Emma erzählt begeistert von ihrem Wochenende bei den Großeltern. Neben ihr zeigt ein Kind auf eine Bildkarte, um von seinem Ausflug zu berichten. Ein anderes ergänzt seine Gedanken mit Gebärden. Der fünfjährige Omar hört aufmerksam zu, während eine Praktikantin einzelne Begriffe in seine Muttersprache übersetzt.
Was auf den ersten Blick wie ein buntes Durcheinander wirkt, ist bei genauerem Hinsehen gelebte Inklusion. Die zentrale Frage lautet dabei: Wie schaffen wir es, dass jedes Kind gehört und verstanden wird, unabhängig davon, wie es spricht?
Mit dieser Frage beschäftigt sich seit diesem Jahr der CJD Kindergarten im Rahmen des Projekts „Thüringer Qualitätskompass – sprachliche Bildung und inklusive Kindergartenentwicklung“ (2026–2027). Ziel ist es, Qualität im Alltag sichtbar zu machen, bewährte Prozesse weiterzuentwickeln und neue Impulse für ein wertschätzendes Miteinander zu schaffen.
Begleitet wird das Projekt von Kathleen Bach, Kindheitspädagogin im CJD und Projektleiterin des Thüringer Qualitätskompasses im Kindergarten. Für sie ist das Thema weit mehr als ein pädagogischer Schwerpunkt, es ist eine Herzensangelegenheit.
„Gerade in pädagogischen Einrichtungen ist es wichtig, demokratische Werte und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern. Kinder sollen früh erleben, dass ihre Meinung zählt, dass Vielfalt selbstverständlich ist und dass jede und jeder willkommen ist“, erklärt Kathleen Bach.
Im Kindergartenalltag zeigt sich, dass Sprache weit mehr ist als gesprochene Worte. Visualisierte Tagesabläufe, Metacom-Symbole, das DGS-Wörterbuch, MetaTalk und digitale Übersetzungshilfen unterstützen Kinder und Familien dabei, miteinander ins Gespräch zu kommen. Kommunikation wird so für jede und jeden zugänglicher.
Besonders beeindruckend ist dabei, wie selbstverständlich Kinder mit Vielfalt umgehen. Sie helfen einander, zeigen auf Symbole, nutzen Gesten oder finden gemeinsam kreative Wege der Verständigung. Für sie ist nicht entscheidend, wie jemand spricht, sondern dass etwas gesagt werden möchte.
Sprachbildung findet dabei nicht nur im Morgenkreis statt. Beim Frühstück, beim Anziehen oder im Freispiel entstehen täglich neue Gesprächsanlässe. Und ganz besonders dort, wo Bewegung ins Spiel kommt. Beim Klettern, Rollen, Rennen oder Tanzen erweitern Kinder ihren Wortschatz, lernen neue Begriffe kennen und entwickeln ihre Kommunikationsfähigkeit weiter. Dabei entstehen oft die kreativsten Gespräche: Auf dem Klettergerüst wird darüber verhandelt, wer Kapitän eines Piratenschiffes sein darf, während im Sandkasten hitzig diskutiert wird, warum ein Vulkan unbedingt einen Parkplatz braucht.
Das Sams hätte daran vermutlich seine helle Freude.
Das aktuelle Projekt knüpft an die Erfahrungen des Vorgängerprojekts „Vielfalt vor Ort begegnen – Professioneller Umgang mit Heterogenität in Kindertageseinrichtungen“ an. Viele erfolgreiche Ansätze wurden übernommen und weiterentwickelt. Unterstützte Kommunikation ist inzwischen fest im Alltag verankert und wird bewusster genutzt als je zuvor.
Natürlich braucht eine solche Entwicklung Zeit. Regelmäßige Reflexionen, gemeinsame Absprachen und der Austausch im Team sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass inklusive und sprachfördernde Ansätze nachhaltig wirken können. Unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven machen diesen Prozess wertvoll und manchmal auch herausfordernd.
Die positiven Veränderungen zeigen sich jedoch bereits deutlich: Kinder nutzen Kommunikationshilfen selbstverständlich, unterstützen sich gegenseitig und gewinnen zunehmend Vertrauen in ihre eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Familien mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen fühlen sich stärker einbezogen und willkommen.
Auch Kindergartenleiterin Sandy Becker sieht darin einen wichtigen Gewinn für alle: „Gute Qualität entsteht nicht von allein. Sie entwickelt sich durch gemeinsame Reflexion, Offenheit für neue Perspektiven und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Der Thüringer Qualitätskompass unterstützt uns dabei, unsere pädagogische Arbeit kontinuierlich weiterzuentwickeln und jedem Kind die bestmöglichen Chancen auf Teilhabe und Bildung zu eröffnen.“
Die Vision des CJD Kindergartens ist klar: ein Ort, an dem Vielfalt selbstverständlich ist und jedes Kind, unabhängig von seinen sprachlichen Möglichkeiten, aktiv teilhaben kann. Ein Ort, an dem Sprache Brücken baut, Gemeinschaft stärkt und Kindern das Gefühl vermittelt:
„Ich werde gesehen. Ich werde verstanden. Ich gehöre dazu.“
Vielleicht erinnert der CJD Kindergarten deshalb manchmal ein wenig an die Welt des Sams – bunt, neugierig, voller Ideen und offen für neue Perspektiven. Und wenn das Sams tatsächlich einmal bei den „Kleinen Europäern“ vorbeischauen würde, hätte es seine Wunschpunkte vermutlich schnell vergeben: für ein Miteinander, in dem jede Stimme zählt, für den Mut, anders sein zu dürfen, und für eine Gemeinschaft, in der Vielfalt ganz selbstverständlich dazugehört.
Die gute Nachricht: Viele dieser Wünsche sind hier längst auf dem Weg, Wirklichkeit zu werden. Denn gute Qualität bedeutet mehr als Betreuung. Sie bedeutet Gemeinschaft, Vertrauen und die aktive Gestaltung einer offenen und demokratischen Zukunft. Oder, um es mit den Augen des Sams zu betrachten: Die schönsten Wunschpunkte sind die, die man gemeinsam wahr werden lässt.