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  1. An Bord der Nordlicht

An Board der Nordlicht - Erfüllung eines Herzenswunsches

Benni vor dem Dampfer Nordlicht

Benni lebt seit 2018 in einer besonderen Wohnform des CJD Nord. Besonders besonders. Benni ist im Autismusspektrum und benötigt intensive Betreuung im geschützten Setting.

Alles, was Benni tut, folgt seinem Plan. Gewohnte Abläufe sind Gesetz. Abweichungen, auch nur ganz kleine,  Kommunikationsschwierigkeiten oder ein erschreckendes Geräusch sorgen mindestens für Aufregung, manchmal Krisen. Geduldig sein und abwarten, ist sehr schwierig, meist nicht machbar für Benni.
Bestenfalls ist jeder Tag so, wie der andere. Abweichungen von seinem Plan vom Leben kann Benni nur krisenfrei überwinden, wenn er Menschen um sich hat, die darum wissen, wie wichtig ihm Beständigkeit ist. Mit Menschen, denen Benni vertraut, gelingen ihm neue Sachen, an denen er dazulernen und wachsen kann.

Benni hat einen Wunsch. Dampfer fahren und in der Gaststätte essen. Klingt erstmal ganz einfach und machbar. Aber nicht für Benni!
Mit Menschen zusammen zu sein, die er nicht kennt, Trubel, Lautstärke, viele Eindrücke und Geräusche, die er nicht verarbeiten kann, würden Krisen auslösen.

Dampfer fahren und in der Gaststätte essen. Fahrkarte kaufen. Rouladen, Klöße, Rotkohl. So der Plan. Bennis Plan. Irgendwann. Und er weiß auch, wer ihn begleiten soll. Irgendwann.

Seit Wochen klebt Benni Sticker auf einen Kalender in seinem Zimmer. Jeder Sticker verdeckt einen vergangenen Tag und der Geburtstag rückt näher. Ungedulig ist Benni trotzdem.
Heute ist der besondere Tag. Benni hat Geburtstag. 36, das weiß er genau.
Der Tagesraum wurde heimlich geschmückt. Geburtstagsgirlande, Geburtstagsluftballons, Geburtstagsfrühstück, Geburtstagstorte, Geburtstagsgeschenke, Geburtstagstee. Geburtstagsspaziergang. Für jede Aktivität, die heute geplant ist, ein liebevoll eingepacktes Geschenk. Benni freut sich über alles und jeder freut sich mit ihm.

Dann die große Überraschung: Nach dem Spaziergang am Nachmittag wird Benni gebeten sich schick anzukleiden. Dampfer fahren und in einer Gaststätte essen, sag ich. Erstaunt guckt er mich an. Der Moment, der alles verändern könnte. Jubel oder Krise. Ich kann förmlich sehen, was er denkt: Nun doch nicht Abendessen im Tagesraum? Nein, Dampfer fahren. Sekunden der Stille. Nur Blickkontakt. Er lächelt und sagt: Dampfer fahren.
Die neuen Schuhe sollen es sein. Und das neue T-Shirt. Regenschirm, Jacke, laminierte Dampferfahrkarte. Benni hat es eilig. Wie sind vorbereitet. Alles ist am Start.
Der Bus steht schon vor dem Hoftor. Geschenke sind in der Tüte. Wechselsachen. Zeitüberbrücker. Alles ist abgesprochen. Aufgeregt sind wir trotzdem.

Erste rote Ampel ganz easy. Benni sitzt ganz hinten im Bus und kichert vor Freude.
Noch 20 Minuten bis zum Ziel. Benni kichert. Ich denke, wir sind zu früh. Meine Kollegin Kirsten und ich entscheiden uns für einen kleinen Umweg, damit wir nicht vor der geöffneten Klappbrücke im Stau stehen. Das würde Bennis Ausflug ganz sicher noch vor der Dampferfahrt beenden. Benni kichert. Dampfer fahren. Fahrkarte. Benni kichert. Drei Dörfer durchfahren. Schneckentempo. Ein Reisebus vor uns. Prima. Benni liebt Fahrzeuge. Ein Traktor. Ein Mähdrescher. Ein Bagger. Alles wie bestellt und ein super Zeitvertreib.

Kurz vorm Ziel: Brenzlige Situation. Wir stehen. Sind aber noch nicht da, wo wir hin sollen. Vor uns wird erstaunlich kompliziert ausgeparkt. Es steigt jemand aus, guckt, steigt wieder ein. Nicht mal eine Minute dauerte das ganze Manöver. Eigentlich gar kein Thema, da hat man Verständnis für. Benni jedoch findet lautstark, dass es zu lange dauert. Kurz vor Krise. Wir halten die Situation gemeinsam aus. Auch ich finde nämlich nun ebenfalls lautstark, dass es mir zu lange dauert. Kirsten findet das auch und alle schimpfen gemeinsam. Es geht weiter. Puh! Endlich! Hausmeister Reyk wartet schon auf uns, nimmt den Bus in Empfang, besorgt das Parkticket. Wir gehen schon mal zum Hafen. Benni hält seine Fahrkarte ganz fest in der Hand.

Noch schnell ein Foto, bevor Benni als erster an Board der Nordlicht geht und zielstrebig ins Restaurant schreitet. Den Tisch aussucht. Seine Jacke ablegt und Platz nimmt. Ein ganzer Dampfer nur für Benni. Kein Warten. Keine Durchsagen. Keine fremden Menschen. Nur Benni, Kirsten, Sicherheitsdienst-Mitarbeiter Sascha und ich. Heidi.
So lange hat Benni davon gesprochen und heute geht der Wunsch in Erfüllung. Dampferfahrt und im Restaurant essen gehen. Ich bin ganz gerührt und Benni bestellt sich eine Cola. Freut sich. Kichert in seine Hände. Wir legen ab. Benni auf dem Dampfer. Auf der Schlei von Kappeln bis Maasholm. Es regnet. Benni möchte nicht nach oben. Also rausgucken. Segelboote. Ein blaues, ein rotes. Ein Schwimmkran. Ein Geschenk. Ein Schokoriegel. Zeitüberbrücker. Rausgucken. Fahrkarte anschauen. Geschenke aufzählen.

Reyks Frau Kerstin stand schon den ganzen Tag in der Küche. Rouladen, Klöße, Rotkohl. Extra für Benni. Benni strahlt übers ganze Gesicht und isst langsam und genüsslich. Ein wunderbarer Moment.
Ich zieh mir die Jacke an. Kommst mit? Benni steht auf. Zieht die Jacke an und lässt mich bei der Kapuze helfen.
Wir gucken aufs Wasser. Benni hält sich gut fest. Wir gucken uns alles an. Treppe hoch. Treppe runter. Das Deck ist rutschig vom Regen. Benni meistert das verbal begleitet ganz hervorragend.
Zurück am Tisch erstmal wieder rausgucken. Kichern. Ein Segelboot. Wir winken. Noch eine Cola und ein Geschenk.
Benni freut sich. Dampfer fahren. Wunderbar!
Nachtisch. Benni steht mit Kirsten an der Eistruhe und sucht sich was aus. Beim Auspacken der Eistüte fordert er Hilfe ein. Das mach ich gern und Benni wartet geduldig, bis ich das klebrige Papier vom Eis gepuhlt hab.
Zurück im Hafen von Kappeln. Der Motor ist laut, Benni bemerkt das, lässt sich aber gut beruhigen.

Wir gehen von Board. Laufen zum Parkplatz. Ab nach Hause. 2 rote Ampeln. Benni sagt nichts. Wir schweigen alle. 15 Minuten nur das Geräusch vom Motor und der Regen, der auf den Bus prasselt. Ich schau ungläubig in den Rückspiegel. Benni lächelt. Und plötzlich Kichern. Dampfer gefahren! Wir freuen uns alle.

Zuhause macht Benni einfach da weiter, wo er vor dem Ausflug aufgehört hat. Schlafanzug anziehen und zu Bett. Träum was schönes. Vom Dampfer fahren.

Von Herzen vielen Dank an die Generalversammlung und die CJD Kinder- und Jugendstiftung, die zur Erfüllung dieses Wunsches beigetragen haben!