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Sprache als Schlüssel für erfolgreiche Integration

In den vergangenen Tagen erreichten die Bildungsberatung GF-H zwei politische Nachrichten, deren Tragweite sich insbesondere im Zusammenspiel zeigt.

Zum einen teilte das Bundesministerium des Innern und für Heimat mit, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) künftig keine Gutscheine für Integrationskurse nach §44 Absatz 4 AufenthG mehr ausstellen wird. Zahlreiche Akteure der Zivilgesellschaft – darunter auch die Bildungsberatung GF-H sowie ihre Träger – haben hierzu bereits öffentlich Stellung genommen.

Von dieser Entscheidung sind u.a. Zugewanderte mit Duldungsstatus betroffen - insbesondere geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer. Nach der seit diesem Jahr vollzogenen Rechtskreisänderung würden sie künftig keinen Zugang mehr zu Integrationskursen erhalten. Wie viele Menschen angesichts des anhaltenden Krieges und der jüngsten Angriffe auf die Hauptstadtregion rund um Kyjiw weiterhin auf der Flucht sind und möglicherweise in Deutschland noch Schutz suchen werden, bleibt derzeit offen.

Frühere Arbeitsaufnahme – eine sinnvolle Idee?

Parallel dazu wurde eine weitere Neuerung angekündigt: Asylsuchende sollen künftig bereits drei Monate (anstatt sechs Monaten) nach Antragstellung arbeiten dürfen. Auf den ersten Blick erscheint dieser Schritt nachvollziehbar. Angesichts des Fachkräftemangels liegt es nahe, vorhandene Potenziale schneller zu nutzen und Menschen frühzeitig in Beschäftigung zu bringen.

Derzeit ist allerdings unklar, welche Gruppen von Asylsuchenden tatsächlich früher arbeiten dürften. Innenminister Dobrindt sprach in seiner ersten Ankündigung allgemein von „Asylsuchenden“. Der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD sieht eine Arbeitserlaubnis nach drei Monaten zwar vor, schließt aber bestimmte Gruppen, z.B. sogenannte „Dublin-Fälle“ von der Maßnahme aus.

Ohne Sprache keine nachhaltige Integration

Sprache bildet den Schlüssel für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt. Sie ist kein ergänzendes Angebot, sondern eine grundlegende Voraussetzung. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse können vorhandene Qualifikationen kaum eingebracht werden, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten bleiben begrenzt und Weiterbildungsangebote oft unerreichbar.

Eine frühzeitige Arbeitsaufnahme kann Integrationsprozesse durchaus unterstützen, aber Integrationskurse kann sie nicht ersetzen. Ohne begleitende Sprachförderung besteht die Gefahr, dass Zugewanderte dauerhaft in den Niedriglohnsektor gedrängt werden – unabhängig von ihren tatsächlichen Kompetenzen oder beruflichen Erfahrungen. Eine solche Entwicklung würde weder dem Anspruch einer chancengerechten Gesellschaft noch den langfristigen Bedürfnissen unseres Arbeitsmarktes gerecht.

Besondere Herausforderungen für Familien und Care-Arbeit Leistende

Besonders betroffen wären Mütter, Eltern sowie Menschen mit Pflege- und Sorgeverantwortung. Sie müssten neben Erwerbsarbeit und familiären Verpflichtungen zusätzlich den Spracherwerb organisieren – eine Mehrfachbelastung, die reale Teilhabe erheblich erschwert.

Ungenutzte Potenziale – Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft

Die Auswirkungen wären nicht nur individuell spürbar. Wenn Beschäftigung dauerhaft unterhalb vorhandener Qualifikationen stattfindet, bleiben dringend benötigte Fachkräftepotenziale ungenutzt. Gleichzeitig entstehen langfristige volkswirtschaftliche Kosten durch geringere Aufstiegschancen, niedrigere Steuereinnahmen sowie einen später erhöhten Bedarf an Qualifizierungsmaßnahmen.

Integration bedeutet zudem mehr als Beschäftigung allein. Sie entsteht durch Verständigung. Wo Sprache fehlt, entstehen Missverständnisse – im Arbeitsalltag ebenso wie im gesellschaftlichen Zusammenleben. Frühzeitige Investitionen in Sprachförderung können solchen Entwicklungen vorbeugen.

Gerade in sensiblen Bereichen wie Pflege oder Gesundheitsversorgung wird die Bedeutung von Sprache besonders deutlich: Gute Kommunikation ist hier keine Komfortfrage, sondern Voraussetzung für Sicherheit, Vertrauen und Qualität.

Dass und wie Sprache entscheidend für erfolgreiche Integration ist, zeigt auch die jüngst veröffentlichte Studie "Rechtlich gleichgestellt - praktisch benachteiligt? EU-Zugewanderte in Deutschland", die im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration die Gründe für Zu- und Abwanderung erforscht hat. Mehrfachbelastung durch fehlende Zugänge zu kostenlosen Sprachkursen und Ausgrenzungserfahrungen aufgrund von Sprachbarrieren begünstigen danach die Ausreise und Abwanderung aus Deutschland.

Von den Neuerungen betroffen wären Asylsuchende, die entweder ohne Integrationskurs oder in einem berufsbegleitenden Kurs bereits nach drei Monaten Zugang zum Arbeitsmarkt hätten. Zudem wird es Gruppen geben, die weiterhin sechs Monate auf den Zugang zum Arbeitsmarkt warten müssen und diese Zeit höchstens durch Selbstlernen für den Spracherwerb nutzen könnten. Hier ist zu begrüßen, dass es mittlerweile Angebote wie das VHS Lernportal gibt, das seit Corona aufgebaut und erweitert wurde und meines Wissens das einzige kostenfreie Online-Kurs-System mit tutoraler Lernbegleitung in Deutschland ist. Übrigens werden die Angebote der Volkshochschulen ebenfalls, so wie die Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule, durch das Familien- und Frauenministerium, BMBFSFJ, finanziert, wie Ministerin Prien in der Befragung der Bundesregierung in der 61. Sitzung des Deutschen Bundestags jüngst bemerkte. Allerdings bleibt festzuhalten, dass die Angebote des VHS Lernportals nicht bis zum Hochschulniveau führen und digitaler Unterricht einfach nicht vergleichbar ist mit echter Ansprache und insofern weniger zuverlässig zum Erfolg führen kann.

Konkrete Auswirkungen auf Bildungsangebote

Auch für die Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule (GF-H) haben die aktuellen Vorhaben der Bundesregierung unmittelbare Konsequenzen. Trotz kürzlich zugesagter Fördermittel könnte künftig die Zielgruppe fehlen, da unsere Angebote auf Integrationskursen aufbauen. Die Programme beginnen mit dem Sprachniveau B2 und führen bis zum Hochschulniveau C1.
Wenn der notwendige vorherige Spracherwerb nicht mehr ermöglicht wird, bleiben akademische Potenziale ungenutzt – mit Nachteilen für die individuellen Bildungsbiografien ebenso wie für Deutschland und seinen Arbeitsmarkt.

Unser Appell: Mehr Sprachförderung statt weniger

Aus diesem Grund hat die Bildungsberatung GF-H die entsprechende Petition der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterzeichnet und unterstützt die Forderung nach einer Rücknahme des Zulassungsstopps in Integrationskurse.

Denn erfolgreiche Integration braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Wir brauchen mehr Integration und mehr Sprachförderung – nicht weniger.