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„Schulsozialarbeit wird zunehmend zur zentralen Anlaufstelle für psychische Stabilisierung“

CJD Schulsozialarbeiterin Luzia Schlotz im Gespräch mit einer Schülerin

Psychische Belastungen prägen den Alltag vieler Kinder und Jugendlicher heute stärker denn je. Die Schulsozialarbeit steht dabei oft an erster Stelle, wenn Jugendliche Halt suchen. Luzia Schlotz ist Schulsozialarbeiterin am Raichberg-Gymnasium in Ebersbach an der Fils und als Angebotsleitung Kinder-, Jugend- und Familienhilfe verantwortlich für die Schulsozialarbeit des CJD im Landkreis Göppingen. Im Interview zieht sie eine persönliche Bilanz des vergangenen Schuljahres, spricht offen über Herausforderungen – und darüber, warum Schulsozialarbeit heute unverzichtbar ist.
 

Frau Schlotz, wie blicken Sie auf das Schuljahr 2024/2025 zurück?

Es war ein sehr herausforderndes Jahr. Psychische Belastungen spielten eine deutlich größere Rolle als in früheren Jahren und waren oft der zentrale Anlass für Gespräche. Viele Jugendliche wirkten dauerhaft angespannt, erschöpft oder innerlich überfordert. Themen wie Angst, Überforderung, depressive Verstimmungen und Selbstwertprobleme waren im Alltag sehr präsent.
Auffällig war vor allem, dass diese Belastungen nicht mehr nur vereinzelt auftreten. Sie zeigen sich quer durch alle Schulformen und Jahrgangsstufen – unabhängig von schulischer Leistung oder sozialem Hintergrund.

Was hat sich im Vergleich zu den Vorjahren verändert?

Ich nehme eine zunehmende Erschöpfung bei Schülerinnen und Schülern wahr. Viele Jugendliche beschreiben sich selbst als dauerhaft müde, lustlos oder innerlich „leer“. Gleichzeitig haben soziale Ängste deutlich zugenommen: Unsicherheiten im Kontakt mit anderen, Angst vor Bewertung, Rückzug aus Gruppen oder Klassenaktivitäten.
Auch die Frustrationstoleranz ist geringer geworden. Konflikte eskalieren schneller, kleine Rückschläge werden als überwältigend erlebt. Viele Jugendliche verfügen über weniger innere Widerstandskraft, um mit Druck oder Misserfolgen umzugehen. Dazu kommt ein starker Leistungs- und Zukunftsdruck, oft verbunden mit der Angst, zu scheitern oder Erwartungen nicht zu genügen.
Was ich aber auch beobachte: Jugendliche sprechen heute offener über ihre Gefühle. Sie können ihre Belastungen klar benennen – das ist eine wichtige Entwicklung.

Wie zeigt sich das konkret in Ihrer Arbeit?

Die Anzahl der Beratungsgespräche ist im Vergleich zu früheren Schuljahren deutlich gestiegen – um etwa 30 bis 40 Prozent. Rund zwei Drittel dieser Gespräche haben einen klaren Bezug zu psychischen Belastungen.
Häufig geht es um depressive Verstimmungen, Antriebslosigkeit und Selbstwertprobleme, aber auch um Angst, innere Unruhe, Leistungsdruck oder Zukunftssorgen. Familiäre Belastungen spielen ebenfalls oft eine Rolle.
Zugenommen haben zudem Krisengespräche, in denen kurzfristige Stabilisierung notwendig ist oder eine Weitervermittlung an externe Hilfesysteme – etwa an Beratungsstellen oder die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das zeigt sehr deutlich: Psychische Belastungen sind kein Randthema mehr, sondern ein zentrales Handlungsfeld der Schulsozialarbeit.

Welche psychischen Belastungen begegnen Ihnen aktuell am häufigsten?

Besonders häufig erleben wir soziale Ängste, depressive Verstimmungen und Stress- sowie Erschöpfungssymptome – man könnte fast von einem „Schul-Burn-out“ sprechen. Hinzu kommen Probleme im Umgang mit sozialen Medien, etwa exzessive Bildschirmzeiten oder ständiger Vergleichsdruck.
Familiäre Belastungen, emotionale Vernachlässigung oder auch traumatische Erfahrungen – etwa durch Trennungen, Gewalt oder Fluchterfahrungen – verstärken diese Themen oft. Wichtig ist zu verstehen: Diese Belastungen treten selten isoliert auf, sondern greifen ineinander.

Wie äußert sich das im Schulalltag?

Viele Jugendliche fehlen häufiger im Unterricht oder verweigern die Schule zeitweise ganz. Andere kämpfen mit Konzentrations- und Motivationsproblemen, ziehen sich sozial zurück oder geraten schneller in Konflikte.
Starke Leistungsängste, Prüfungsblockaden, emotionale Ausbrüche oder auch Teilnahmslosigkeit sind ebenfalls häufige Anzeichen. Für Lehrkräfte sind diese Signale nicht immer leicht einzuordnen – umso wichtiger ist der Blick der Schulsozialarbeit.
 

Globale Unsicherheiten lösen bei vielen Jugendlichen Zukunftsängste und ein Gefühl von Kontrollverlust aus.


Worin liegen aus Ihrer Sicht die Ursachen?

Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Die Pandemie hat soziale Entwicklungsrückstände hinterlassen, Lernlücken und einen Verlust an Struktur. Soziale Medien verstärken Vergleichs- und Erfolgsdruck, Cybermobbing ist ein weiteres Thema.
Dazu kommen globale Unsicherheiten, die bei vielen Jugendlichen Zukunftsängste und ein Gefühl von Kontrollverlust auslösen. Familiäre Belastungen – etwa psychisch erkrankte Eltern oder finanzielle Sorgen – verschärfen die Situation. Gleichzeitig erleben viele Jugendliche steigende Erwartungen in einem sehr leistungsorientierten System, ohne dass ihre inneren Ressourcen entsprechend wachsen können.

Was bedeutet das für die Schulsozialarbeit?

Der Beratungs- und Gesprächsbedarf ist deutlich gestiegen. Begleitungen sind oft langfristig, nicht mehr nur punktuelle Interventionen. Die Zusammenarbeit mit externen Stellen – Jugendhilfe, Beratungsstellen, Therapieangebote – ist intensiver geworden.
Gleichzeitig sind wir stärker in akute Krisenintervention eingebunden, bei begrenzten zeitlichen und personellen Ressourcen. Schulsozialarbeit wird zunehmend zur zentralen Anlaufstelle für psychische Stabilisierung im Schulalltag.

Wie gut sind Jugendliche auf den Übergang in Ausbildung oder Beruf vorbereitet?

Fachlich sind viele gut vorbereitet, emotional und sozial jedoch häufig nicht ausreichend. Es gibt Schwierigkeiten bei Selbstorganisation, Durchhaltevermögen, im Umgang mit Kritik oder Stress. Auch realistische Berufsvorstellungen fehlen manchmal.
Viele Jugendliche haben Angst vor dem Scheitern oder trauen sich wenig zu. Das wirkt sich direkt auf ihren Übergang in Ausbildung oder Beruf aus.

Wie unterstützt das CJD psychisch belastete Jugendliche konkret?

Die Schulsozialarbeit des CJD bietet ein breites, ganzheitliches Unterstützungssystem: von Einzelfallberatung und Krisenintervention über niedrigschwellige Gesprächsangebote im Schulalltag bis hin zu sozialpädagogischer Begleitung über längere Zeiträume.
Dazu kommen Gruppenangebote und Klassenprojekte zu Themen wie Stressbewältigung, Selbstwert oder sozialen Kompetenzen sowie die enge Zusammenarbeit mit Lehrkräften, externen Hilfesystemen und anderen Fachkräften innerhalb des CJD.

Woran machen Sie Erfolge fest?

Erfolge zeigen sich oft nicht sofort. Ein wichtiger Erfolg ist, dass viele Jugendliche trotz psychischer Belastungen in der Schule bleiben und nicht abbrechen. Sie lernen, eigene Warnsignale früher zu erkennen und sich rechtzeitig Hilfe zu holen.
Besonders wirksam sind verlässliche Bezugspersonen. Jugendliche wissen, an wen sie sich wenden können. Auch Klassenangebote haben sich bewährt, weil sie Austausch ermöglichen.
Nicht zuletzt ist es ein großer Fortschritt, dass psychische Belastungen heute offener thematisiert werden und weniger schambesetzt sind.
 

Genau jetzt bräuchte es verlässliche Strukturen.


Wo sehen Sie aktuell die größten Lücken?

Wir erleben einen stark steigenden Unterstützungsbedarf bei Jugendlichen. Gleichzeitig werden Förderungen gekürzt oder fallen ganz weg. Das ist ein problematisches Signal. Denn genau jetzt bräuchte es verlässliche Strukturen, statt Unsicherheit darüber, wie bestehende Angebote künftig aufrechterhalten werden können. Hinzu kommen lange Wartezeiten auf therapeutische Angebote außerhalb der Schulen. Außerdem fehlt im System oft Zeit für Prävention, weil akute Krisen Priorität haben.

Welche Rahmenbedingungen braucht es aus Ihrer Sicht?

Es braucht vor allem eine verlässliche und langfristige Finanzierung sowie eine weiterhin enge und gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe, die auch künftig ein zentraler Erfolgsfaktor sein wird. Wichtig sind auch geschützte Räume, in denen Gespräche ohne Kontrolle stattfinden können – und Zugänge, die Jugendliche wirklich erreichen. Mittelfristig sollte Schulsozialarbeit strukturell und personell weiter gestärkt werden, um der wachsenden Zahl belasteter Jugendlicher gerecht zu werden.

Welche Verantwortung tragen Politik und Gesellschaft?

Politik sollte Schulsozialarbeit strukturell absichern und sie als festen, unverzichtbaren Bestandteil der Entwicklung junger Menschen im schulischen Kontext verstehen. Denn Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern ein Lebensraum, in dem Persönlichkeitsentwicklung, soziale Stabilität und psychisches Wohlbefinden ebenso entscheidend sind wie fachliche Bildung. Gesellschaftlich brauchen wir mehr Offenheit und weniger Tabuisierung psychischer Belastungen. Jugendliche sind niemals „Probleme“, sondern Menschen mit großem Potenzial.

Zum Abschluss: Ihre Botschaft an Jugendliche?

Ihr seid nicht allein. Eure Gefühle sind berechtigt, auch wenn sie manchmal schwer auszuhalten sind. Ihr müsst nicht perfekt sein und ihr müsst Probleme nicht alleine tragen. Es gibt Menschen, die euch ernst nehmen und unterstützen wollen. Traut euch, Hilfe anzunehmen – ihr seid wertvoll, genauso wie ihr seid.