Auf ins Abenteuer Digitalisierung

Von LEGO®-Steinen und neuen Kontinenten - ein Interview mit Samuel Breisacher


Digitalisierung „[...] ist so, als würde man einen neuen Kontinent entdecken und das Ende der Entdeckungsreise nur in Umrissen erahnen. Wir kommen allmählich in ein Stadium, in dem sich nicht nur ein paar Freaks und Experten dafür interessieren, sondern alle anderen dazukommen.“ Christoph Meinel, Leiter und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts könnte es treffender nicht formulieren. Das CJD ist bereits mitten drin im Entdecken des neuen Kontinents, der jeden im Unternehmen zum Umdenken, Mutig sein und Visionieren herausfordert.

Wir haben Samuel Breisacher, Regionalvorstand im CJD, zu seinen Reiseplänen zum Abenteuer Digitalisierung befragt.

Welche 5 Schlagworte sind für Sie am treffendsten, wenn es um die Digitalstrategie im CJD geht?


Teilhabe
– Mit Hilfe der Digitalisierung werden Menschen ermächtigt, ein selbstständiges, eigenverantwortliches Leben zu führen, was ohne Digitalisierung undenkbar gewesen wäre.

Kollaboration – Zusammenarbeit über Verbund-, Einrichtungs- und Standortgrenzen hinweg.

Angebotsentwicklung – Heute schon an morgen denken und neue Angebote entwickeln.

Werteorientierung – Das CJD wird auch in Zukunft auf der Basis unseres christlichen Wertekanons für gemeinwohldienende Angebote stehen.

Standardisierung – Mit der Digitalisierung eröffnen sich Chancen, individualisierte Angebote unseren Kunden anzubieten. Dafür müssen jedoch die unterstützenden Prozesse standardisiert sein.

Für Sie als Verantwortlicher der Digitalstrategie gehören Worte wie Kollaborationstools und Metadaten zum Alltag. Wie würden Sie Ihrem Patenkind den Begriff Digitalisierung erklären?


Oh, das ist gar nicht so einfach. Ich glaube ich würde es mit seinem Lieblingsspielzeug LEGO® versuchen:  Stell dir vor du hast eine große Kiste vor dir, mit unzähligen LEGO®-Steinen. Du kannst alleine tolle Kreationen bauen, aber mit Freunden zu spielen, macht meistens viel mehr Spaß. Das Tolle an der Digitalisierung ist, dass du dich mit Kindern aus der ganzen Welt in einem virtuellen Spielzimmer treffen kannst. Hier könnt ihr gemeinsam Ideen schmieden und bauen. Nehmen wir einmal an, du möchtest unbedingt eine Achterbahn für einen Freizeitpark bauen. Dir fehlen aber ein paar Ideen, die die Bahn noch aufregender machen. Jetzt können Finn aus Irland und Zola aus Afrika im virtuellen Spielzimmer gemeinsam mit dir an deiner Achterbahn arbeiten. Am Ende entsteht ein gigantischer LEGO®-Freizeitpark mit Ideen von Kindern aus unzählig vielen Ländern. In diesem Spielzimmer könnt ihr dann gemeinsam spielen und euch austauschen. Das Teilen von Ideen, Austauschen und das gemeinsame Arbeiten über alle Grenzen hinweg ist nur ein Teil der Digitalisierung, aber für mich das Herzstück.

Was bedeutet Digitalisierung für die Personalarbeit im CJD?


Die Digitalisierung erfordert von uns ein komplettes Umdenken. Abläufe oder Angebote, wie wir sie seit Jahren kennen, werden in Frage gestellt und müssen sich verändern damit wir unseren Kunden gerecht werden können. Mit der Digitalisierung können unsere Kunden aktiv Einfluss auf die Erbringung unserer Dienstleistungen nehmen. Das ist toll, erfordert aber die Bereitschaft, uns von liebgewordenen Abläufen zu trennen. Genau da setzt die Personalarbeit ein. Unsere Mitarbeiter*innen müssen befähigt werden, digitalisierte Angebote zu entwickeln, aber auch mit digitalen Werkzeugen die Dienstleistungen zu erbringen. Wir stehen aus meiner Sicht vor einer der größten Qualifizierungsanstrengung unseres Unternehmens.

In der neuen Digitalstrategie werden Ziele und Leitsätze formuliert. Was erwartet die einzelnen Mitarbeitenden in den kommenden Jahren konkret?


In der Digitalstrategie haben wir uns für die nächsten 3,5 Jahre Ziele in den Bereichen Kunden, Mitarbeitende, Prozesse und Werteorientierung gesetzt.

Im Bereich der Kunden wollen wir unser Angebotsportfolio um digitale Angebote ergänzen und erweitern. Ganz konkret wird in diesem und nächsten Jahr dazu die Lernplattform Moodle CJD-weit aufgebaut.

Im Bereich Mitarbeitende wollen wir uns als Profis und Qualitätsanbieter im Bereich der Sozialwirtschaft etablieren. Dazu müssen alle Mitarbeitenden die notwendigen Veränderungen verstehen und befähigt werden, die zur Verfügung stehenden digitalen Werkzeuge professionell in der Leistungserbringung einzusetzen. In diesem Bereich sind wir alle gefordert, beispielsweise werden wir alle Kolleg*innen Anfang kommenden Jahres in der Nutzung von Microsoft 365 schulen.

Den Aufbau des integrierten Systems werden wir im Bereich der Prozesse weiter vorantreiben. An dieser Stelle werden wir in den nächsten Jahren deutlich an Tempo aufnehmen müssen, um den zukünftigen Anforderungen in Bezug auf die Unternehmenssteuerung und einen effizienten Ressourceneinsatz gewährleisten zu können. Das bedeutet konkret den konsequenten Aufbau des integrierten Systems auf Basis von Microsoft Business Central, besser bekannt im Hause unter der der Marke CareViva.

Im Bereich der Werteorientierung stehen wir vor einer ganz besonderen Herausforderung. Die Digitalisierung bietet auf der einen Seite viele positiven, den Menschen dienende Angebote. Auf der anderen Seite kann aber das Ganze auch missbräuchlich benutzt werden. Genau da setzen wir als CJD an und entwickeln mit unseren Kunden in den nächsten Jahren einen Handlungsleitfaden zu Chancen und Grenzen der Digitalisierung. Außerdem schaffen wir ein Forum, in dem wir uns gemeinsam kritisch und kontrovers zu den Entwicklungen austauschen können.

Was sind die größten Chancen, die sich aus der Digitalisierung für unser Unternehmen ergeben?


Die größte Chance liegt sicherlich darin, dass Menschen mit digitaler Unterstützung ein eigenständiges, selbstverantwortetes Leben führen können, welches ohne die Unterstützung von digitalen Helfern nicht möglich wäre. Auch rückt die Welt durch die Digitalisierung enger zusammen. Entfernungen spielen eine untergeordnete Rolle. Damit können wir Menschen mit unseren Angeboten erreichen, die bisher für unsere Einrichtungen unerreichbar waren.

Was sind die größten Herausforderungen der Digitalisierung?


Die schöne digitale Welt schafft neue Abhängigkeiten. Beispielsweise werden wir immer stärker angewiesen auf  Technik und deren Funktionalität. Digitalisierung ohne moderne Technik ist undenkbar und lässt sich nicht realisieren. Das ist eine große Herausforderung für uns alle, weil wir an der Stelle einige Ressourcen frei machen müssen damit wir up to date bleiben. Bleiben wird immer die Abhängigkeit von Anbietern, die uns die Technik zur Verfügung stellen bzw. unsere Daten durch die Datenleitungen transportieren. An der Stelle sind wir aus meiner persönlichen Sicht extrem gefordert, denn Digitalisierung darf nicht zu neuen Ausgrenzungen führen.

Christliche Werte und Künstliche Intelligenz – wie passt das zusammen?


Für mich passt die Künstliche Intelligenz (KI) sehr gut zu christlichen Werten. Grundlage dafür ist, dass diese auf Basis christlicher Werte programmiert wurde. Künstliche Intelligenz kann ein Segen für die Menschheit sein. Aber die Dualität unserer Welt zeigt auch wie groß die Gefahren sein können. Ich kann an der Stelle nur die eindringliche Forderung von Elon Musk unterstreichen. Der Tesla-Gründer ist der Ansicht, dass wir uns als Gemeinschaft intensiv damit auseinander setzen müssen, was KI darf und wo deren Grenzen sind. Denn wenn wir an der Stelle nicht konsequent darauf achten, dass die KI dem Menschen dient und nicht andersherum, wird sie sehr schnell zu einer der bedrohlichsten Gefahren unserer Zeit. Auf Basis christlicher Werte wird sich KI zum Segen vieler Menschen entwickeln.

Das CJD steht für Begegnung mit Menschen. Was bedeutet Digitalisierung für das Selbstverständnis unserer Arbeit?


Die Interaktion von Menschen miteinander wird auch in Zukunft nicht durch digitale Angebote ersetzt werden können. Ich sehe die Digitalisierung als Ergänzung, Erleichterung vieler Prozesse aber nicht als Kompensation von Begegnungen mit Menschen. Deshalb glaube ich, dass wir in Zukunft viele kleine und große digitale Helferlein erhalten werden. Wenn wir es richtig anstellen, gewinnen wir dadurch mehr Zeit, um unsere Beziehungen zu unseren Kund*innen und unseren Kolleg*innen pflegen. Meine Vision wäre, dass uns die vielen Zeiträuber endlich durch digitale Unterstützung abgenommen werden.

Blicken wir mal mit kreativem Enthusiasmus in die Zukunft. Wie sieht Ihr Update für das CJD aus?


Im CJD beschäftigen sich die Mitarbeitenden und Kund*innen nicht mehr um die Klärung formaler Anforderungen, sondern arbeiten gemeinsam an Zielen. Die lästigen Formalien übernimmt die Technik, welche sämtliche Dialekte in unserem Land beherrscht und sich individuell auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden wie auch Kund*innen einstellen kann. Dazu werden wir einige Male um die Ecke denken müssen, unsere Komfortzone verlassen, etwas wagen, Scheitern als wichtige Erfahrung verstehen und Neugier zur Pflicht erklären. Ich freue mich, mit all den Neugierweckern, Talentverstärkern und Barrierebrechern unseres Unternehmens an der digitalen Zukunft zu bauen!