Mit Fingerspitzengefühl zur Brailleschrift
Der Tag begann mit einer Einführung in die Brailleschrift. Was zunächst wie ein scheinbar zufälliges Muster aus kleinen Punkten wirkte, entwickelte sich schnell zu einem faszinierenden Schriftsystem mit eigener Logik. Ausgestattet mit speziellen Blindenschreibmaschinen konnten die Teilnehmenden erste Wörter und kurze Sätze selbst verfassen.
Dabei zeigte sich schnell: Schreiben ohne sehen zu können ist gar nicht so einfach. Die kleinen Punkte wollten erst einmal verstanden und richtig gesetzt werden. Umso größer war die Freude, als die ersten selbst geschriebenen Wörter entstanden.
Unterwegs als „Blinde auf Zeit“
Anschließend ging es hinaus in die Siegener Oberstadt. Mit blickdichten Brillen und Blindenstock ausgestattet wurden die Teilnehmenden selbst zu „Blinden auf Zeit“.
Was für Sehende oft selbstverständlich erscheint, wurde plötzlich zur Herausforderung: Bordsteinkanten, Pflastersteine, Schilder oder Passanten mussten allein über Geräusche, den Tastsinn und die Rückmeldungen des Blindenstocks wahrgenommen werden.
Manche gingen zunächst vorsichtig Schritt für Schritt voran, andere wurden mit jeder Minute mutiger. Schnell wurde deutlich, wie viel Konzentration und Vertrauen notwendig sind, um sich ohne Augenlicht sicher durch den Alltag zu bewegen.
Wenn das Licht ausgeht
Den Höhepunkt bildete der Besuch des vollständig abgedunkelten Dunkelcafés. Hier verschwand die gewohnte Orientierung innerhalb weniger Sekunden. Essen, Trinken, Gespräche führen oder einfach nur den eigenen Platz finden: alles funktionierte plötzlich anders.
Begleitet wurden die Teilnehmenden von blinden Mitarbeitenden, die nicht nur sicher durch die Dunkelheit führten, sondern auch offen von ihrem Alltag berichteten. Dabei entstanden bewegende Gespräche, die ebenso nachdenklich wie humorvoll waren.
Viele stellten fest, wie schnell man beginnt, sich auf andere Sinne zu verlassen. Geräusche werden deutlicher wahrgenommen, Berührungen bewusster erlebt und selbst kleine Handgriffe erhalten eine ganz neue Bedeutung.
Mehr als ein Workshop
Der Besuch im Dunkelcafé war weit mehr als ein Ausflug. Er bot die Möglichkeit, Inklusion nicht nur theoretisch zu besprechen, sondern unmittelbar zu erleben.
Die Teilnehmenden gewannen wertvolle Einblicke in die Lebenswelt blinder und sehbehinderter Menschen, entwickelten ein stärkeres Bewusstsein für Barrieren im Alltag und nahmen viele neue Eindrücke mit nach Hause.
Oder wie es eine Teilnehmerin am Ende treffend formulierte:
„Heute haben wir gelernt, dass man manchmal weniger sehen muss, um mehr zu verstehen.“