Eine Chance und ihre Geschichte

Jasmin: Die richtige Starthilfe in den Beruf

Jugendliche wie die 17-jährige Jasmin haben ein Problem: Trotz Mittlerer Reife können sie ihren Traumberuf nicht erlernen, weil sie extremes Übergewicht haben. Jasmin hat einen Ausweg gefunden und lernt jetzt Bürokauffrau in einer Einrichtung, die sich auch um ihre Gesundheit und ihr Übergewicht kümmert.
 
Jasmin ordnet Fachbegriffe der Bilanzbuchhaltung auf einem Plakat. Zufrieden sitzt sie an ihrem Schreibtisch im medizinisch-beruflichen Rehabilitationszentrum des CJD Berchtesgaden. Seit September macht sie dort eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Der Weg dahin war nicht ganz leicht. Jasmins Gewichtsprobleme begannen im Alter von neun Jahren. „Damals habe ich heimlich gegessen und wurde allmählich moppelig“, erzählt die aufgeschlossene Jugendliche. „Meine Mutter hat nichts gemerkt. Erst mit elf Jahren schickte mich der Arzt in eine Kinderklinik und die entdeckten dann meine Essstörung.“ Verschiedene Therapieversuche und eine ambulante psychologische Betreuung brachten keine Abhilfe. Jasmin erinnert sich: „So ab 2010 wurde es richtig schlimm. Ich hatte Fressanfälle, bei denen ich auf einmal so viel gegessen habe, wie ich normalerweise für eine Woche brauchen sollte.“ Auslöser dafür waren Stress in der Familie, Ärger mit Freunden oder auch schulische Probleme. Dann aß Jasmin zum Beispiel einen ganzen Laib Brot mit Wurst, Käse und Butter, dann noch 500 Gramm Nudeln, eine Tafel Schokolade, zwei oder drei Joghurts und noch eine Tüte Chips.
 
Im Sommer 2013 schaffte sie ihre Mittlere Reife und die Frage der Berufsausbildung stand an. Hotelfachfrau oder Krankenschwester wollte sie werden. „Der Amtsarzt meinte, ich könnte das mit meinem Übergewicht nicht schaffen und müsste mir was anderes überlegen“, sagt Jasmin. Das Jugendamt gab ihr den Tipp, sich an das CJD Berchtesgaden zu wenden. In der Rehabilitationseinrichtung des Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands werden chronisch kranke Kinder, Jugendliche und junge Erwachse betreut – darunter auch Adipöse. Hier bekam Jasmin von den Ärzten eine klare Ansage: Entweder sie nimmt ab, oder sie bekommt auch noch Diabetes und orthopädische Beschwerden. Ihre Insulinwerte waren so schlecht, dass akut ein Diabetes Typ II drohte. Jasmin erkennt jetzt, dass sie so nicht weitermachen kann. In der Einrichtung macht sie nicht nur ihre Berufsausbildung, sie bekommt auch die nötige Hilfe, um umzusteuern. Pädagogen, Ernährungsberater, Sporttherapeuten, Ärzte und Psychologen betreuen sie und helfen ihr, ‚normales‘ Essen zu lernen sowie mit viel Bewegung und Sport die überzähligen Pfunde abzubauen.
 
Die Berufsausbildung verläuft wie in einem normalen Ausbildungsbetrieb. „Die Arbeitsatmosphäre ist sehr gut. Die Ausbilder geben sich viel Mühe und üben mit mir den Berufsschulstoff, wenn ich ihn nicht ganz verstehe“, berichtet Jasmin. Jasmins Bilanz ist rundum positiv: Sie hat in zwei Monaten 7,5 Kilo abgenommen, die Leberwerte haben sich verbessert und allmählich kommt sogar auch das Sättigungsgefühl beim Essen, das sie jahrelang gar nicht kannte. Ihr Tipp für adipöse Jugendliche in einer ähnlichen Situation: „Man muss ehrlich gegen sich selbst sein und sich eingestehen, dass man eine Essstörung hat. Und dann muss man sich vor allem professionelle Hilfe holen.“