Die Arbeit des Jugendmigrationsdienstes Hamburg mit Ute Grütter
„Es geht darum: Was wollen Sie erreichen?“
Seit über 20 Jahren begleitet der Jugendmigrationsdienst junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte beim Ankommen in Deutschland. Ute Grütter leitet den Dienst in Hamburg. Im Interview spricht sie über Erwartungen, Bürokratie, Resilienz – und warum Geduld eine unterschätzte Ressource ist.
Jugendmigrationsdienst Hamburg – kurz erklärt
Der Jugendmigrationsdienst Hamburg unterstützt junge Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung dabei, ihren Weg in Ausbildung, Beruf und Gesellschaft zu finden. Im Mittelpunkt stehen individuelle Beratung und Begleitung: In der Einzelfallbetreuung bzw. im Casemanagement werden persönliche Anliegen geklärt, Perspektiven entwickelt und passende Unterstützungsangebote koordiniert.
Darüber hinaus bietet der Jugendmigrationsdienst vielfältige Gruppenangebote und Jugendintegrationskurse an, die durch eine sozialpädagogische Begleitung ergänzt werden. Internationale Jugendmaßnahmen eröffnen jungen Menschen Möglichkeiten zum Austausch und zur persönlichen Weiterentwicklung über Ländergrenzen hinweg. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Netzwerkarbeit mit Schulen, Behörden und freien Trägern, um nachhaltige Unterstützungsstrukturen zu schaffen.
Ergänzend engagiert sich der Jugendmigrationsdienst Hamburg in der interkulturellen Bildung und führt interkulturelle Trainings durch. Zudem bringt er seine Praxiserfahrungen in die europäische Sozialforschung im Bereich Migration und Integration ein, um Konzepte weiterzuentwickeln und gute Praxis sichtbar zu machen.
Frau Grütter, was genau macht der Jugendmigrationsdienst?
Der Jugendmigrationsdienst – kurz JMD – begleitet junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zwischen 12 und 27 Jahren. Das sind Geflüchtete, aber auch junge Menschen, deren Familien schon länger hier leben – teilweise in zweiter oder dritter Generation.
Wir arbeiten nach dem Prinzip des Case Managements. Das bedeutet: Wir beraten nicht nur punktuell, sondern begleiten oft über einen längeren Zeitraum. Manche kommen mit einer kurzen Frage und sind nach einem Termin wieder gut orientiert. Zwei Drittel unserer Ratsuchenden begleiten wir jedoch intensiver, weil ihre Situationen komplex sind.
2023 hatten wir rund 1.580 Beratungsfälle – bei 3,75 Vollzeitstellen. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist.
Wie kommen die Jugendlichen zu Ihnen?
Vieles läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir haben über die Jahre einen guten Ruf aufgebaut, was sich auch in Online-Bewertungen widerspiegelt. Viele kommen, weil andere gute Erfahrungen gemacht haben.
Wenn junge Menschen neu in Deutschland ankommen, führt ihr erster Weg oft zu den zuständigen Stellen für das Asylverfahren. Von dort aus oder über Sprach- und Integrationskurse finden sie den Weg zu uns.
Warum brauchen junge Menschen besondere Unterstützung?
Viele sind ohne Eltern hier. Sie wurden aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen. Sie bringen Erfahrungen, Hoffnungen, manchmal auch Traumata mit. Und sie kommen mit Erwartungen.
Ein zentraler Punkt unserer Arbeit ist deshalb: Sie sind hier nicht „neu geboren“. Sie haben eine Geschichte, Kompetenzen, Stärken. Unsere Aufgabe ist es, eine Brücke zu bauen zwischen dem, was sie mitbringen, und dem, was sie hier vorfinden.
Und ganz wichtig: Am Anfang steht das Gefühl, gesehen und gebraucht zu werden. Wenn junge Menschen das Gefühl haben, nicht willkommen zu sein, wird Integration unnötig schwer.
Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen?
In den letzten Jahren ist vieles komplexer geworden. Rechtliche Rahmenbedingungen haben sich verschärft, Fördermittel werden gekürzt, Integrationskurse gestrichen oder reduziert. Perspektiven sind unsicher.
Wir erleben Jugendliche, die hier zur Schule gehen, eine Ausbildung machen, Steuern zahlen – und dennoch nicht wissen, ob sie bleiben dürfen. Gerade das Ausländerrecht ist hochkomplex. Viele leben mit einer Duldung, also einer „Aussetzung der Abschiebung“. Das bedeutet permanente Unsicherheit.
Das frustriert – auch uns als Beratende. Denn wir sehen, wie viel Einsatz und Entwicklung in diesen jungen Menschen steckt.
Können Sie eine Erfolgsgeschichte schildern?
Eine junge Frau aus Guinea kam als Analphabetin nach Hamburg. Sie war aus einer Zwangsehe geflohen. Hier hat sie einen Schulabschluss gemacht, Deutsch gelernt und eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Inzwischen hat sie ihre Kinder nachholen können.
Solche Geschichten zeigen, was möglich ist. Aber sie zeigen auch, wie komplex die Wege sind. Immer wieder musste sie ihre Situation beweisen, Dokumente vorlegen, Hürden überwinden.
Erfolg bedeutet für mich: Irgendwann ist jemand nicht mehr „die Geflüchtete“, sondern einfach eine junge Frau mit Beruf, Familie und Zukunft.
Was macht den JMD zu einem sicheren Ort?
Das müssten eigentlich die Jugendlichen selbst beantworten. Aber ich glaube, es ist die Kombination aus Verlässlichkeit, Klarheit und Beziehung.
Wir hören zu. Wir setzen Grenzen. Wir erklären das System. Und wir arbeiten ressourcenorientiert. Wenn jemand zu mir sagt: „Sagen Sie mir, was ich tun soll“, antworte ich: So funktioniert es nicht. Entscheidend ist: Was wollen Sie erreichen? Welche Erwartungen bringen Sie mit?
Dann schauen wir gemeinsam, was realistisch möglich ist – und was Deutschland dazu beitragen kann.
Geduld ist dabei ein Schlüsselbegriff. Viele wollen schnelle Lösungen, verständlicherweise. Aber nachhaltige Entwicklung braucht Zeit.
Welche Kompetenzen braucht man für diese Arbeit?
Empathie ist wichtig – aber auch professionelle Distanz. Die Probleme meiner Klientinnen und Klienten sind nicht meine eigenen. Sonst würde man ausbrennen.
Ich habe Soziale Arbeit studiert und bin zusätzlich Tanztherapeutin. Wir machen hier keine Therapie, aber wir arbeiten viel mit traumatisierten Menschen. Ein Blick für Resilienz ist entscheidend – bei den Jugendlichen und bei uns selbst.
Außerdem ist Netzwerkarbeit zentral. Niemand kann diese komplexen Themen allein lösen. Wir arbeiten eng mit Behörden, Bildungsträgern, Anwältinnen und Anwälten sowie mit Partnerorganisationen zusammen. Gute Netzwerke sind ein Erfolgsfaktor.
Was motiviert Sie nach all den Jahren?
Die jungen Menschen selbst. Ihre Stärke. Ihre Bereitschaft, trotz aller Hürden hier ihren Weg zu gehen.
Viele haben Unglaubliches erlebt – und entscheiden sich trotzdem, weiterzumachen. Diese Resilienz ist beeindruckend.
Unsere Aufgabe ist es, Räume zu schaffen, in denen Entwicklung möglich ist. Wenn das gelingt, lohnt sich jede Anstrengung.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Grütter.