Trauma-informierte Versorgung mit Svenja Heinrich
„Nicht: Was stimmt nicht mit Dir? Sondern: Was ist dir passiert?“
Trauma-informierte Versorgung – ein Begriff, der in Deutschland noch neu ist, aber zunehmend an Bedeutung gewinnt. Svenja Heinrich, Beraterin im Jugendmigrationsdienst, beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit diesem Ansatz. Im Gespräch erklärt sie, was Trauma eigentlich bedeutet, warum trauma-informiertes Arbeiten gerade jetzt so wichtig ist – und was sich dadurch ganz konkret im Alltag von Einrichtungen, Teams und im Umgang mit Menschen verändert.
Trauma-informierte Versorgung – kurz erklärt
Trauma-informierte Versorgung ist ein Ansatz aus den USA, der davon ausgeht, dass viele Menschen belastende oder traumatische Erfahrungen gemacht haben – und dass sich diese auf Verhalten, Gesundheit und Beziehungen auswirken.
Der Fokus liegt nicht auf Therapie, sondern auf Haltung, Wissen und Struktur in Organisationen und Einrichtungen.
Zentrale Prinzipien:
- Sicherheit (emotional & physisch)
- Transparenz und Vertrauen
- Zusammenarbeit statt Machtausübung
- Wahlmöglichkeiten und Mitbestimmung
- Kultur- und Geschlechtersensibilität
- Empowerment und Peer-Ansätze
Der Perspektivwechsel lautet:
Nicht: „Was stimmt nicht mit Dir?“
Sondern: „Was ist dir passiert?“
Trauma-informierte Versorgung richtet sich an alle Mitarbeitenden – nicht nur an therapeutische Fachkräfte – und wirkt sowohl nach außen (zu Klient*innen) als auch nach innen (in Teams und Arbeitsstrukturen).
Svenja, du arbeitest seit vielen Jahren im Jugendmigrationsdienst und hast besondere Erfahrung im Bereich Trauma. Fangen wir ganz grundlegend an: Was ist eigentlich ein Trauma?
Ein Trauma ist kein „schlechtes Erlebnis“ im allgemeinen Sinne. Man spricht von einem Trauma, wenn ein Ereignis so überwältigend ist, dass die betroffene Person keine ausreichenden Bewältigungsstrategien mehr hat. Das kann eine lebensbedrohliche Situation sein, aber auch Erfahrungen wie Gewalt, Vernachlässigung oder Kindeswohlgefährdung.
Dabei unterscheiden wir zwischen einmaligen traumatischen Ereignissen und chronischen Traumata, also Belastungen, die sich über einen längeren Zeitraum ziehen – zum Beispiel in der Kindheit. Gerade diese langfristigen Belastungen haben oft tiefgreifende Auswirkungen.
Du sprichst von „trauma-informierter Versorgung“. Was genau bedeutet das?
Trauma-informierte Versorgung heißt nicht, dass alle Mitarbeitenden therapeutisch arbeiten. Es geht vielmehr darum, dass alle in einer Organisation – von der Verwaltung bis zur Fachkraft – ein Grundverständnis von Trauma haben.
Der zentrale Perspektivwechsel lautet:
Nicht: „Was stimmt nicht mit Dir?“
Sondern: „Was ist dir passiert?“
Wenn jemand laut wird, sich aggressiv verhält oder sich stark zurückzieht, sehen wir das nicht als „Fehlverhalten“, sondern als mögliches Symptom belastender Erfahrungen. Dieses Verständnis soll flächendeckend vorhanden sein.
Woher kommt dieser Ansatz – und wie bist du selbst dazu gekommen?
Der Ansatz kommt ursprünglich aus den USA. Ich habe 2021 an einem transnationalen EU-Forschungsprojekt dazu mitgearbeitet, gemeinsam mit Kolleginnen aus mehreren europäischen Ländern und den USA. Es folgten Fortbildungen für Familienrichterinnen, Polizei und soziale Einrichtungen in Norddeutschland.
Besonders prägend war für mich der Austausch mit Einrichtungen in Chicago – Hamburgs Partnerstadt. Dort haben wir erlebt, wie offen Führungskräfte über eigene Belastungserfahrungen gesprochen haben. Diese Offenheit schafft Vertrauen und eine gemeinsame Sprache. Das hat mich sehr überzeugt.
Warum brauchen wir trauma-informierte Versorgung überhaupt?
Weil wir es mit hochkomplexen Problemlagen zu tun haben: steigende Zahlen von Kindeswohlgefährdung, psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen – gleichzeitig erleben wir hohe Fluktuation, Burnout und sogenannte Mitgefühlsmüdigkeit bei Fachkräften.
Trauma-informierte Versorgung betrachtet beide Seiten:
- die Menschen mit belastenden Erfahrungen
- und die Mitarbeitenden, die mit diesen Belastungen arbeiten
Studien zeigen: Je mehr belastende Kindheitserfahrungen jemand gemacht hat, desto höher ist das Risiko für spätere psychische und körperliche Erkrankungen – bis hin zu einer verkürzten Lebenserwartung. Darauf müssen Versorgungssysteme reagieren.
Was unterscheidet trauma-informierte von trauma-spezifischer Arbeit?
Trauma-spezifisch heißt: Eine Therapeutin behandelt gezielt ein diagnostiziertes Trauma.
Trauma-informiert heißt: Die gesamte Organisation richtet ihre Haltung, Abläufe und Strukturen danach aus, dass traumatische Erfahrungen existieren.
Das betrifft nicht nur Fachkräfte, sondern alle Mitarbeitenden. Es geht um Wissen, Haltung – und ganz konkrete Veränderungen in Prozessen und Regeln.
Gibt es Grundprinzipien, an denen sich trauma-informierte Versorgung orientiert?
Ja, es gibt sechs Leitprinzipien, die gemeinsam mit Betroffenen entwickelt wurden:
- Physische und emotionale Sicherheit
- Transparenz und Vertrauenswürdigkeit
- Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit
- Wahlmöglichkeiten und Mitbestimmung
- Kultur- und Geschlechtersensibilität
- Empowerment und Peer-Ansätze
Gerade der Peer-Ansatz ist in Deutschland noch wenig verbreitet: Menschen mit eigenen Belastungs- oder Fluchterfahrungen arbeiten bewusst im System mit – sichtbar und anerkannt.
Wie zeigt sich das ganz praktisch im Arbeitsalltag?
Das kann sehr konkret sein:
Wie sitzen wir im Raum?
Wer berät wen?
Welche Bilder hängen an den Wänden?
Welche Sprache verwenden wir?
Viele Klient*innen sagen uns, dass sie sich bei uns sicher fühlen – obwohl sie an anderen Stellen starke körperliche Stressreaktionen erleben. Diese Sicherheit entsteht durch Haltung, aber auch durch viele kleine, durchdachte Entscheidungen.
Welche Missverständnisse oder Hürden gibt es beim Thema Trauma?
Ein großes Missverständnis ist die Angst, „eine Büchse der Pandora zu öffnen“. Viele denken: Wenn ich nachfrage, kommt etwas, mit dem ich nicht umgehen kann.
Deshalb ist Fortbildung so wichtig – nicht nur im Fragenstellen, sondern auch darin, Grenzen zu setzen, Gespräche zu schließen und weiterzuvermitteln. Und ganz wichtig: Selbstschutz der Mitarbeitenden.
Betrifft trauma-informierte Versorgung auch die Teams selbst?
Absolut. Die Prinzipien gelten genauso für Mitarbeitende: Sicherheit, Transparenz, Mitbestimmung. Auch Fragen wie befristete Verträge oder Teamkultur spielen hier eine Rolle.
Trauma-informiertes Arbeiten heißt, sich selbst nicht auszuklammern.
Was können Menschen tun, die sich privat für das Thema interessieren?
Ein guter Einstieg ist Basiswissen über die neurobiologischen Auswirkungen von Trauma. Zum Beispiel zu verstehen, warum unser Gehirn in Stresssituationen mit Kampf, Flucht oder Erstarrung reagiert – und dass das keine „Macken“, sondern Überlebensstrategien sind.
Suchbegriffe wie
„neurobiologische Auswirkungen von Trauma“ oder
„Was macht Trauma mit dem Gehirn?“
sind ein guter Start.
Und wenn man sich beruflich weiter damit beschäftigen möchte?
Man kann sich gern an mich wenden. Wir sind dabei, Fortbildungen und Austauschformate weiter auszubauen. Das Thema steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen – aber das Interesse wächst stark.
Vielen Dank für das Gespräch, Svenja.