„Es gilt, den Anschluss nicht zu verpassen“

Die Digitalisierung ist eine große Herausforderung für das CJD, sagt Direktorin Petra Densborn. Das gilt auch für die Ausbildung von jungen Menschen mit Handicap.

Frau Densborn, Fluch oder Segen - was bedeutet die Digitalisierung für ein Sozialunternehmen wie das CJD?


Sie kann beides sein: Sie birgt Herausforderungen und eröffnet neue Chancen. Zu den Chancen zählt, dass sie Menschen barrierefreie Zugänge zu unserer Gesellschaft ermöglicht, zum Beispiel durch Sprach- und Mobilitätshilfen. Oder durch Online-Dienste, die mobilitätseingeschränkten Menschen ermöglichen, vieles selbstständig zu erledigen, zum Beispiel Behördengänge oder Einkäufe. Sie eröffnet für diese Menschen auch neue Chancen der Teilhabe, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Das begrüßen und fördern wir im CJD.

Und die Herausforderungen?


Die Digitalisierung ist eine riesengroße Herausforderung für das CJD. Sie betrifft alle Arbeitsbereiche. Beginnend in der IT. Dort müssen wir investieren und uns ganz anders aufstellen. Verwaltungsarbeiten werden digitaler, auch weil externe Partner immer mehr auf digitale Prozesse umstellen. So erhält man Informationen über Landesprogramme nur noch online, die Anträge laufen über das Internet. Wir erleben das heute schon durch die elektronische Rechnungslegung, um nur einen Prozess zu nennen. Darauf muss sich auch die Aufbau – und Ablauforganisation einstellen. Und darauf müssen sich wiederum die CJD Mitarbeitenden einstellen – eine Herausforderung für die Personalentwicklung. Darüber hinaus ändert sich die Kommunikation in der Gesellschaft: Vor allem für junge Menschen sind die sozialen Medien sehr wichtig. Wenn wir uns darauf nicht einstellen, erreichen wir sie nicht. Aber die Digitalisierung betrifft auch unser Kerngeschäft, die Arbeit mit den Teilnehmenden, Klienten und Schülern.

Petra Densborn arbeitet seit 1991 im CJD. Seit dem 1. März 2018 gehört sie dem Direktorium des CJD an.

Wo zum Beispiel?


Wir sprechen vom „digitalen Klassenzimmer“, der „digitalen Werkstatt“. Damit verbunden ist auch eine stärker online-basierte Wissensvermittlung an den Lernorten im CJD, zum Beispiel in unseren Schulen und Werkstätten. Wir werden uns in der Kinder- und Jugendhilfe stärker mit neuen Suchtformen und Verhaltensauffälligkeiten auseinander setzen müssen. Es gibt erste Studien und Pilotprojekte, die sich mit Social Media Sucht auseinandersetzen. Und wenn ich auf das Thema unseres Fachtages blicke, so spielt – ganz wichtig - in den Betrieben die Digitalisierung eine immer größere Rolle. Wenn wir junge Menschen auf die Arbeitswelt vorbereiten wollen, müssen wir das berücksichtigen. Das betrifft auch und gerade die Ausbildung von Rehabilitanden.

Was befürchten Sie?


Befürchten würde ich nicht sagen, es gilt aber, den Anschluss nicht zu verpassen. Durch die Digitalisierung wird es eine Reihe von Ausbildungsberufen so, wie wir sie heute kennen, in Zukunft nicht mehr geben, einfache Tätigkeiten werden wegfallen. Fuhr früher ein Lagerist mit dem Gabelstapler durch das Lager, so erledigen dies schon heute in großen Logistikeinheiten intelligente Computersysteme. Ein Mitarbeiter steuert das ganze Geschehen digital. In dem gleichen Lager haben früher zehn Lageristen gearbeitet. Bei fast allen Berufen gibt es darüber hinaus Aufgaben, die sich ins Internet verlagern. Selbst ein Koch muss heute seine Lebensmittelbestellungen online eingeben, wo er früher telefoniert hat. Deswegen haben wir uns bei unserem Fachtag zur Digitalisierung im Juni 2018 auf die Ausbildung von Rehabilitanden fokussiert: Sie haben durch ihre Einschränkungen ohnehin einen schwierigeren Zugang zum Arbeitsmarkt und arbeiten oft in sogenannten theoriereduzierten Berufen. Auf dem Fachtag haben wir uns gefragt: Was müssen wir tun, damit für sie aus der Digitalisierung nicht Barrieren, sondern Chancen entstehen?

Wie optimistisch sind Sie, dass Menschen mit Einschränkungen weiterhin eine Chance am Arbeitsmarkt haben?


Wir als CJD tragen Mitverantwortung dafür, dass das so bleibt. Zum einen gibt es weiterhin Berufe, bei denen die Digitalisierung keine oder nur eine geringe Rolle spielt. Zum anderen müssen wir überlegen: Welche Kompetenzen erfordert die Digitalisierung? Und wie können wir diese Kompetenzen den Auszubildenden vermitteln, um sie fit für den Arbeitsmarkt zu machen? Sie müssen lernen, Prozesse eigenverantwortlich zu durchdenken und auszuführen, und sie müssen lernen, schnelle Veränderungen als Bestandteil der Arbeitswelt anzunehmen und deswegen nicht in Stress zu geraten. Mit diesen Kompetenzen schützt berufliche Qualifizierung auch heute noch vor Arbeitslosigkeit.

Das CJD hat sich bisher nicht an der Digitalisierungs-Debatte beteiligt. Was veranlasst das Unternehmen nun dazu?


Das CJD hat sich oft dadurch ausgezeichnet, dass es sich aktuellen Debatten gestellt hat, zum Beispiel in der Hochbegabtenförderung. Das wollen wir wieder verstärkt machen und einen konstruktiven Beitrag zum Thema Digitalisierung leisten. Dies mit dem Fokus auf berufliche Rehabilitanden, denn über diese Gruppe wird in der Digitalisierungs-Debatte wenig gesprochen. Im CJD fangen wir zu diesem Thema nicht bei null an, sondern haben einige Pilotprojekte, in denen wir Erfahrungen sammeln. Auf dem Fachtag können wir zeigen, wie wir im CJD mit dem Thema insgesamt unterwegs sind.

Wie geht es anschließend weiter mit dem Thema?


Wir werden uns in den Fachgremien und auch in das Gespräch mit der Bundesagentur für Arbeit einbringen. Innerhalb des CJD wird das Thema weiterhin in den Fachausschüssen eine große Rolle spielen. Es wird auch wieder einen Fachtag geben, aber zu einem anderen Thema.

Wie halten Sie es persönlich mit der Digitalisierung?


Ich dachte lange Zeit, Digitalisierung betrifft mich nicht in besonderem Maße. Bis ich festgestellt habe: Ich arbeite fast papierlos, nur mit dem Rechner, den ich auf meinen vielen Reisen immer bei mir habe. Meine Kommunikation läuft digital, das Familienleben organisieren wir vielfach über WhatsApp. Das Überraschende ist: Das ist so schleichend gegangen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie stark die Digitalisierung mein Leben inzwischen prägt.