Schulverweigerung
Interview
mit Diplom-Psychologe Klaus Stiller, Fachstabsleiter Kinder- und Jugendhilfe in der CJD Zentrale, Psych. Psychotherapeut, Psychoanalytiker (DGIP, DGPT)
Warum ist Schulverweigerung ein Thema im CJD?
Fast jeder hat in seinem Leben doch schon einmal die Schule geschwänzt.
Natürlich machen viele Schüler ein oder zwei Mal „blau". Uns geht es aber um die Schüler mit ausgeprägter Verweigerungshaltung, beginnend mit Kaspereien, passiver Teilhabe am Unterricht – oft verbunden mit Stören oder auch Aggressionen gegenüber Mitschülern und Lehrern. Ohne Intervention bleiben diese Kinder und Jugendliche schließlich über Wochen oder gar Monate dem Unterricht fern und werden zu „harten" Schulverweigerern. Das sind keine Kavaliersdelikte mehr: Hunderttausende schwänzen die Schule und sie fangen immer früher damit an. Dennoch fällt es oft gar nicht auf, wenn Schüler dauerhaft fehlen. Hier haben wir in Deutschland inzwischen ein Riesenproblem: Es wird zu wenig getan, um Schulverweigerern zu helfen.
Welche Perspektiven haben Schulverweigerer?
Zehn Prozent aller Jugendlichen verlassen die Schule inzwischen ohne Abschluss. Unter ihnen viele „harte“ Schulverweigerer – da sind sich die Experten einig. Die Chance auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz ist aber ohne Abschluss geringer denn je, die „Hartz IV-Biografie“ vorgezeichnet. Das kann und sollte sich unsere Gesellschaft eigentlich nicht leisten. Hier sehen wir im CJD unsere Verantwortung: „Keiner darf verloren gehen“ ist unser Anspruch und den lösen wir auch in diesem Bereich ein. Wir wollen erreichen, dass Schulverweigerer eine Chance auf selbst bestimmtes Leben erhalten.
Welche Gründe gibt es denn für Schulverweigerung?
Es handelt es sich in den meisten Fällen nicht um „Null Bock“-Schüler. Kinder und Jugendliche bleiben der Schule fern, weil sie Angst haben zu versagen, Erfolgserlebnisse fehlen oder weil sie schlicht mit dem Unterrichtsstoff nicht zu Recht kommen. Viele schaffen auch emotional den Übergang von der „behüteten“ Grundschule in die „rauere“ Hauptschule nicht. Sie haben plötzlich keinen festen Ansprechpartner mehr, sind einer von vielen im großen Klassenverband und fallen „durchs Raster“, wenn sie nicht anderweitig auffällig werden. Das erklärt auch, warum inzwischen mehr als zehn Prozent der schulmüden Kinder unter zwölf Jahre alt sind und viele ihre „Schulschwänzerkarriere“ in der Hauptschule beginnen. Wenn dann noch die Aufmerksamkeit des Elternhauses fehlt, sehen manche Schüler eben nur einen Ausweg: Verweigerung.
Was können Schule und Eltern tun?
Lehrer dürfen sich nicht nur um Kinder kümmern, die zur Schule kommen, sondern sollten aktiv auf Schulverweigerer zugehen. Aus meiner Sicht müssen wir auch dringend weg von der rein wissensorientierten Schule, weg von der Rolle der Lehrer als „Dozenten“. Kinder brauchen eine emotional-soziale Begleitung ihrer Schulbiografie. Sie wollen als ganzheitliche Persönlichkeiten ernst genommen werden, brauchen Orientierung und Vertrauen.
Natürlich sind ganz besonders die Eltern gefordert, wenn ein Kind nicht zur Schule geht.
Natürlich sind ganz besonders die Eltern gefordert, wenn ein Kind nicht zur Schule geht.
In manchen Familien fehlt jedoch aus ganz verschiedenen Hintergründen die nötige Unterstützung. Die Anonymität in größeren Städten oder die Konflikte in sozialen Brennpunkten tun ein Übriges. Die Zusammenarbeit von Schule, Jugendhilfe und Fachleuten ist umso wichtiger.
Was tut das CJD konkret?
Wir beschäftigen uns bereits seit 1997 mit diesem Thema und wissen daher, dass ein Schlüssel für die Lösung des Problems vor allem in der Prävention liegt. Das CJD hat bundesweit neunzehn Projekte für Schulverweigerer, die meist ab der siebten und achten Klassenstufe ansetzen. Wir unterstützen gefährdete Kinder in ihrer Entwicklung, bevor sie zu „harten“ Schulverweigerern werden.
Der zweite Lösungsansatz geht dahin, Jugendlichen wieder einen Sinn für den Schulbesuch zu vermitteln. Es gibt zum Beispiel sehr erfolgreiche Projekte in Berlin, Pirna und Heidenau für jugendliche Schulverweigerer. Diese erhalten parallel zum Unterricht eine handwerkliche Ausbildung in unseren Werkstätten. Die meisten von ihnen haben bei uns die ersten Erfolgserlebnisse seit Jahren, sind motivierter ihren Schulabschluss zu machen und haben deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. An der Berliner Rudolf-Breitscheid-Hauptschule mit 75 Prozent ausländischen Schülern läuft unser Projekt „Transmission II“: Ausgebildete Sozialarbeiter beraten Schüler der zehnten Klassen individuell, machen Bewerbungstrainings, aber auch Rollenspiele zum Konfliktverhalten.
Der Schülersprecher, einst ebenfalls aktiver Schulverweigerer, erzählte mir mal: „Früher habe ich nicht dazu gehört, fühlte mich einfach abgehakt. Selbst auf dem Arbeitsamt hat der Berufsberater mich durchgewunken. Mir hat geholfen, dass ich mal einen Ansprechpartner habe, der mir zuhört und auf meine Probleme eingeht". Das hat mich gefreut und in unserer Arbeit bestätigt.
Der zweite Lösungsansatz geht dahin, Jugendlichen wieder einen Sinn für den Schulbesuch zu vermitteln. Es gibt zum Beispiel sehr erfolgreiche Projekte in Berlin, Pirna und Heidenau für jugendliche Schulverweigerer. Diese erhalten parallel zum Unterricht eine handwerkliche Ausbildung in unseren Werkstätten. Die meisten von ihnen haben bei uns die ersten Erfolgserlebnisse seit Jahren, sind motivierter ihren Schulabschluss zu machen und haben deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. An der Berliner Rudolf-Breitscheid-Hauptschule mit 75 Prozent ausländischen Schülern läuft unser Projekt „Transmission II“: Ausgebildete Sozialarbeiter beraten Schüler der zehnten Klassen individuell, machen Bewerbungstrainings, aber auch Rollenspiele zum Konfliktverhalten.
Der Schülersprecher, einst ebenfalls aktiver Schulverweigerer, erzählte mir mal: „Früher habe ich nicht dazu gehört, fühlte mich einfach abgehakt. Selbst auf dem Arbeitsamt hat der Berufsberater mich durchgewunken. Mir hat geholfen, dass ich mal einen Ansprechpartner habe, der mir zuhört und auf meine Probleme eingeht". Das hat mich gefreut und in unserer Arbeit bestätigt.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ganz selten gelingt es, Projekte für Schulverweigerer dauerhaft in eine Regeleinrichtung zu überführen, wie es uns beim CJD-Projekt KOMM in Zusammenarbeit mit der HERTIE-Stiftung gelungen ist. Das ist aber notwendig, um kontinuierlich Strukturen für ein Helfersystem aufbauen zu können. Es wäre schön, hier mehr Unterstützung zu erhalten.
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